Tuchos Tonfall gut getroffen

Choreografie steht nicht im Programm. Aber wenn Ganzkörperschauspieler Friedrich-Wilhelm Junge auftritt, ist keine statische Rezitation zu erwarten. Von Markus Terharn

Der Abend mit Texten von Kurt Tucholsky beim Rheingau Musik Festival gerät so wildbewegt, dass sein Hemd unter den Hosenträgern schnell durchgeschwitzt ist. Auch die Bewirtung der Gäste im ausverkauften Laiendormitorium von Kloster Eberbach durch die Winzertanzgruppe Guldental von der Nahe hat Züge eines Balletts.

„Mancher lernt’s nie“, der Titel dieser „Musikalisch-literarischen Weinprobe“, ist nur ironisch zu verstehen. Junge hat in der DDR eine glänzende Ausbildung genossen. Seine Aussprache ist gestochen scharf, seine verbale Wandlungsfähigkeit erstaunlich – da knallen die Pointen. Die kurze Satire „Wo kommen die Löcher im Käse her?“ ist ohnehin ein Brüller. Aber Junge macht daraus ein echtes Kabinettstück, verleiht jeder Figur mit seiner Stimme unverwechselbar Kontur.

Auch Gedichte, die der eine oder andere im Publikum gut kennt, klingen bei Junge wie noch nie gehört, zum Beispiel das berühmte „Wenn die Igel in der Abendstunde“. Den typisch schnoddrigen 20er-Jahre-Tonfall trifft auch das Michael-Fuchs-Trio mit Michael Fuchs (Piano), von dem fast alle Kompositionen stammen, Rüdiger Goldberg (Bass) und Volkmar Hoff (Schlagzeug).

Wer „Tucho“, den bissigen Berliner Journalisten, Kabarettisten, Feuilletonisten und Lyriker, bis dahin für einen Biertrinker gehalten hat, der lernt das von ihm geprägte hübsche Wort „Edeltrockenbeerenspätauslese“. In die Gläser gelangen stattdessen sechs Erste Gewächse, wie sie im Rheingau jetzt seit genau zehn Jahren produziert werden, eins süffiger als das andere. Domänenrat Wolfgang Schleicher, der diese feinen Tropfen präsentiert, gibt sich gleich als Tucholsky-Fan zu erkennen. Wer dies noch nicht gewesen sein sollte, der dürfte es geworden sein!

Quelle: op-online.de

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