Klartext mit Iron Mike

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Tyson-Biographie auf DVD

In der Geschichte des Boxsports gibt es zahlreiche große Kämpfer, deren Einzigartigkeit und Stil das Boxen für künftige Generationen mitprägten. Rocky Marciano, Joe Louis oder Muhammed Ali, um nur einige zu nennen, drückten dem Faustkampf ihren Stempel auf und ihren Gegnern die Boxhandschuhe ins Gesicht. Von Heiko Große

Erfolgreiche Krieger zwischen den Ringseilen, die sie waren, verewigten sie sich in den Analen der Kampfsport-Historie. So auch in den 80er Jahren der 20jährige Michael Gerad Tyson, besser bekannt als „Iron Mike“. Seine unbändiger Siegeswille, seine raschen KO-Siege und seine Achterbahnfahrt im Leben machten ihn berühmt und berüchtigt und stehen zum einen für unglaubliche kämpferische Qualitäten, aber auch für die Schattenseiten des Profiboxens, die Profitgier der Promoter und die düsteren Verlockungen des schnellen Ruhmes.

Althaus veröffentlichte nun die Dokumentation „TYSON“ auf DVD, in der „Iron Mike“ mit sehr persönlichen Einblicken in sein Leben überrascht. Aufgezeichnet vom Oscar-nominierten Regisseur James Toback berichtet Mike Tyson in einem 30-stündigen Interview frei heraus über seine Kindheit, Jugendkriminalität in den übelsten Gegenden von New York, den Einstieg ins Boxen, den Weg zum Weltmeister und den schweren Absturz in Drogensucht, Skandale und Gefängnis. „The Baddest Man on the Planet“ berichtet brutal ehrlich von all diesen Höhen und Tiefen und schont sich selbst dabei nicht einmal. Selten hat man so eine selbstreflektierende Biographie gesehen, eine Facette, die man gerade wegen all der Schattenseiten Tysons dem ehemaligen Weltmeister im Schwergewicht nie zugetraut hätte.

Ex-Boxer will kein Mitleid heischen

Der Regisseur lässt Mike Tyson frei reden, untermauert durch zahlreiche Bildspielereien und Originalaufnahmen seiner Kämpfe, Trainingseinheiten und alter TV-Berichte. Anstatt ein Frage- und Antwortspiel übliches Interview-Format zu liefern, wirkt es hier wie eine als Hörbuch vorgetragene Autobiographie, in der man als Zuschauer dem Protagonisten so nah wie nur selten kommt. Die Wahl des Stilmittels ist optimal, auch wenn manchmal die Ereignisse etwas sprunghaft erscheinen, so reiht sich Tysons Leben doch detailliert vor einem auf und dabei wird nichts ausgelassen.

Der Ex-Boxer will offensichtlich kein Mitleid heischen und auch keine Entschuldigungen vortragen, er gibt nur gnadenlos ehrlich wieder, was, wann, wie geschehen ist. Besonders erschreckend sind dabei seine Berichte aus dem Gefängnis, in denen ihn sein Name und sein Ruf nur schwach schützten und doch der Grund sind, warum er die Zeit dort überhaupt durchstand. Wer im Internet nach Biographien Tyson´s sucht, der wird zahlreiche spannende Informationen über ihn und seine Boxkarriere finden, wer aber hautnah erleben möchte, was Tyson sein bewegtes Leben nennen kann, der sollte sich diese autobiographische DVD zulegen, denn von wem könnte man die Schattenseiten des Lebens besser vernehmen, also von „Iron Mike“ selbst?

Entlassung des Trainers und Undiszipliniertheiten

Mike Tyson hat sich seinen Platz in der Hall of Fame des Boxens trotz aller Probelme sicherlich verdient. Aufgrund seiner Offensivstärke, aber auch seinen – oft vergessenen – defensiven Fähigkeiten sowie der Tatsache, mit 20 Jahren jüngster Weltmeister der Geschichte im Schwergewicht geworden zu sein, ist er definitiv einer der größten Boxer aller Zeiten.

Auch wenn der Verlust seiner Vaterfigur D`Amato, die einzige Person, die Tyson unter Kontrolle hatte, private Probleme, der Wechsel zu Boxpromoter Don King (dessen Sichtweise über Ausbeutung und Profiboxen sicherlich wenig förderlich war) und die daraus resultierende Entlassung seines Trainers Kevin Rooney sowie seine Undiszipliniertheiten innerhalb und außerhalb des Rings diesem Status immer etwas entgegenstehen werden, so ist der kampftechnische Ruf Tysons als unbescholten zu klassifizieren.

Zwar entwickelte Tyson nach der Entlassung Rooneys seinen Stil nicht weiter, ließ ihn regelrecht verkümmern (er vernachlässigte seine Defensivarbeit, arbeitete weniger mit der Führhand und brachte immer seltener seine Kombinationen; stattdessen versuchte er fast nur noch, mit einem einzelnen Schlag zum KO zu kommen), so war bis zu einem bestimmten Punkt sein Wille meist stärker als seine Gegner. Tyson in seiner Glanzzeit steht definitiv für einen großartigen Boxstil, auch wenn er später behäbig wurde, inkonsequent trainierte, seine Gegner unter- und sich selbst überschätzte, so ist Tyson heute ehrlich genug, um sich diese Fehler einzugestehen.

Falsche Freunde, Berater und Missmanagement

Zudem ist Tysons Karriere wohl ein prägendes Beispiel für die Schattenseiten des Profiboxens, für falsche Freunde, Berater und Missmanagement. Der von den Einkünften her reichste Sportler der Welt ist pleite und hat Schulden in Millionenhöhe. Im Jahre 2005, noch vor seinem letzten Kampf, meinte er in einem Interview, sein ganzes Leben sei eine Verschwendung gewesen.

Mike Tyson wird sicherlich vor allem als jüngster Weltmeister der Boxgeschichte in Erinnerung bleiben und als einer der besten Schwergewichtler aller Zeiten. Doch auch als trauriges Beispiel für Fehlleitung, Ausbeutung und die Gefahren des Ruhmes. Er selbst leistet allerdings mit der DVD „TYSON“ einen beeindruckenden Beitrag zur Veröffentlichung all dieser Höhen und Tiefen im Leben des „baddest man on the planet“. Und allein dafür gebührt ihm schon etwas Respekt und Achtung. Bleibt nur zu hoffen, dass Mike Tyson wirklich aus seinen Fehlern für das restliche Leben gelernt hat, wie er sich in dieser großartigen Dokumentation äußert.

Quelle: op-online.de

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