Überlebende unter einem Dach

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Stefanie Zweig

Offenbach - Stefanie Zweig, die Frankfurterin mit Offenbach-Erinnerungen, war bereits eine erfolgreiche Schriftstellerin, als sie 2007 den Roman „Das Haus in der Rothschildallee“ vorlegte. Er erzählt vom Leben der jüdischen Familie Sternberg. Von Lothar R. Braun

Im Jahr 2009 schloss sich eine Fortsetzung bis in die Hitlerjahre an: „Die Kinder der Rothschildallee“. Eine weitere galt 2010 der „Heimkehr in die Rothschildallee“. Pünktlich zur Buchmesse 2011 erscheint eine vierte Folge: „Neubeginn in der Rothschildallee“.

Sie erzählt, wie sich im wieder erlangten Haus einige der Vernichtung Entronnene und ihre Nachkommen sammeln, um ein neues Leben zu wagen. Es wird ein Haus, in dem sowohl für Chanukka als auch für Weihnachten Platz ist, weil man selbstverständlich andere Traditionen so achtet wie die eigenen.

Stefanie Zweig: Neubeginn in der Rothschildallee. Langen/Müller, 276 Seiten, 19,99 Euro

Der Leser begegnet erdachten Menschen in einem realen Geschehen. Breit malt die Autorin das Frankfurt der frühen Nachkriegszeit aus, mit Trümmern und Behelfsbauten, wo man die „Neue Zeitung“ las, in der Kästner und Zuckmayer schrieben, und Theater im Börsensaal spielte. Wo es noch Sperrzonen und Taxis nur für Amerikaner gab, aber Frankfurt sicher war, Bundeshauptstadt werden zu können. Es ist eine Zeit, in der man, wie die Autorin schreibt, „von Frankfurt nach Offenbach lange unterwegs“ war.

In dieses Umfeld kehren Menschen zurück, die noch erbleichen, wenn es an der Tür klingelt. Wir lesen die Klage: „Warum kann ich meine Sorgen nicht in einen Sack stopfen und in den Main werfen?“ Stefanie Zweig beschreibt, wie unbedachte Worte zum Bajonett werden können. Sie lässt die Unfähigkeit zum möglicherweise befreienden Gespräch erahnen und weiß von kuriosen bis peinlichen Begegnungen zwischen Juden und „Ariern“, die beide Angst überlebt haben, die einen in Frankfurt, die anderen im Unbeschreiblichen.

Es wäre kein Zweig-Roman, hätte der Leser nicht auch Vergnügen an ihrem Sinn für komische Situationen, an ihrer Fähigkeit, Atmosphäre erlebbar zu machen, und an der milden Heiterkeit, mit der sie Menschen beobachtet. Auch in diesem Roman begegnen die Leser wieder der Zweig, die sie kennen.

In diesem Roman vermählen sich Fiktion und Realität. Sein Schauplatz ist das Haus, das die Familie Zweig 1952 bezog, fünf Jahre nach der Rückkehr aus dem afrikanischen Exil. Es hatte bis zur Enteignung durch die Nazis der jüdischen Familie Isenberg gehört. Als letzte ihrer Familie wurde die 82-jährige Witwe Rosa Isenberg 1942 deportiert. Im Konzentrationslager Theresienstadt überlebte sie nur vier Wochen.

Freundlicher endet Stefanie Zweigs Geschichte der Sternbergs. An ihrem Ende stehen Liebe und Heirat, steht ein Sieg im ewigen Ringen um Glück. Die Zweig gibt es nicht ohne erfüllte Hoffnungen.

Quelle: op-online.de

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