Frankfurt

Umtriebe am Ort der Ruhe

William Forsythe zu Gast im Bockenheimer Depot: Heterotopien, schrieb der französische Strukturalist Michel Foucault 1967 in seinem Text „Von anderen Räumen“, sind Orte der verwirklichten Utopie.

Das Theater ist ein solcher, die Räume von William Forsythe sind es besonders. Die schlichten, aufs Wesentliche reduzierten, sich zugleich durch magische Aura auszeichnenden Choreografien des einstigen Frankfurter Ballettchefs bilden immer eine hermetische Welt.

„Heterotopia“, zwei Jahre nach der Uraufführung am Zürcher Schauspiel erstmals im Bockenheimer Depot zu sehen, nennt Forsythe neutral „eine Arbeit“, damit erneut eine über das Choreografische hinausgehende Position manifestierend. Eine große Zahl von Tischen ist zu einer Spielfläche zusammengerückt, mit Lücken, aus denen Tänzer auftauchen und durch die sie in eine Unterwelt abtauchen können.

Einer zwitschert einem Vogel gleich, versucht das einem anderen, der krächzt, beizubringen. Der erweist sich als nicht gelehrig, was von einiger Komik ist. Buchstabenreihen sind aufgestellt. Sie werden umgruppiert, einen Sinn freilich ergeben sie nie. Die Menschen dieser Gemeinschaft verständigen sich in einer Lautsprache (oder sind es mehrere?), die an den Dadaismus, an Kurt Schwitters’ Ursonate erinnert. Wir verstehen nicht und tun es doch, wie auf Urlaubsreise in einem mediterranen Land.

Es gibt viele Auseinandersetzungen, in der Gruppe, bei einem Paar, gestenreich ausgetragen. Immer wieder drehen und winden Tänzer ihre Körper, in gewaltsam anmutender Weise, Augen drehen sich gen Himmel.

Hinter einem schwarzen Vorhang befindet sich ein zweiter Raum, die Zuschauer können hin- und herwechseln. Der zweite Raum ist das Heterotopia des ersten. Dort bewegen sich zwei oder drei, mal auch nur ein Tänzer. Vorn herrscht rege Geschäftigkeit; der hintere, mit schwarzen Planen abgeschlossene Teil ist ein Ort der Ruhe. Wenngleich die ambienthafte Musik von Thom Willems, die Sprache und die Tierlaute – ein Tänzer meckert immer wieder ziegengleich – von vorn eindringen. Auf natürlichem Weg, teils übertragen mittels eines Paars plexigläserner Salat- oder Satellitenschüsseln. Die Tänzer lauschen, sie scheinen das Gehörte in ihrem Tanz zu reflektieren.

Mancher fühlt sich angesichts der Gemeinschaft in „Heterotopia“ an eine archaische Urgesellschaft erinnert. Mit dem Schluss, dass Kommunikation und ihr Misslingen, dass das Wesen des menschlichen Miteinanders Konstanten sind. Nach 90 Minuten endet dieser Abend. Für intensivste Eindrücke aus einer anderen Welt, die auf unsere rückschließen lasst, ist Forsythe immer wieder gut.

Weitere Aufführungen am 7., 8., 19. und 21. Februar

(Stefan Michalzik)

Quelle: op-online.de

Kommentare