Unmoralisches Angebot im Wald

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Geld oder Liebe?

Seine Hände hat Roland in zwei krumme Hasenohren verwandelt. Angestrengt drückt er sie an seinen Hinterkopf, geht in die Knie und hüpft über den weichen, grünen Boden, der unter seinen Sprüngen nachgibt. Neben ihm stolziert Laura. Von Katharina Platt

Sichtlich bemüht streckt sie ihre schlanken Beine in die Höhe und formt ihre Arme zu einem langen Schnabel. Roland spielt ein Kaninchen und seine Freundin einen Storch. „Ihr seid wohl zu allem bereit?“, fragt Osvald, mehr rhetorisch als neugierig. In dieser Szene verlieren Laura und Roland, das symphatische Pärchen, dessen Liebesglück bis vor wenigen Augenblicken noch die Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt erfüllt hatte, ihr Gesicht. Und das Publikum stellt sich die Frage: „Zu was wäre ich selbst bereit?“ Damit geht der Plan des estnischen Autors und Dramatikers Jaan Tätte auf, der die Verführbarkeit des Menschen zum Thema seines Stücks „Bungee Jumping oder Die Geschichte vom Goldenen Fisch“ macht.

Absurde Welt aus Gummiboden und Schilderwald

Die Premiere der Inszenierung von Romy Schmidt ist geglückt. Das Publikum lacht über die Witze des kauzigen Osvald, bei dem die Studenten Laura und Roland eines Nachts stranden, und fühlt sich gleichermaßen ertappt. Genau wie das junge Pärchen sieht sich das Theaterpublikum mit der Frage konfrontiert: Geld oder Liebe? Eine Milliarde Dollar oder ein Leben mit der Geliebten?

Weitere Vorstellungen von Bungee Jumping oder die Geschichte vom Goldenen Fisch am 15. und 22. Mai im Staatstheater Darmstadt.

Einsiedler Osvald, der auf unerklärliche Weise zu vier Milliarden Dollar gekommen ist, bietet dem liebestollen Roland diese Summe für die Liebe der schönen Laura. Verführt von der Aussicht auf Reichtum, willigt das Paar ein. Schwankt dann aber doch. Die Darstellung dieses Konflikts gelingt den Schauspielern Anne Hoffmann und István Vincze gut. Das Bühnenbild von Mechthild Seidemann tut das Übrige. Wie auf einer Hüpfburg wanken die Figuren im Wald und durch Osvalds Heim. Alles ist grellgrün oder leuchtend pink, nur die Schilder oder Bäume glitzern silbrig. Man fühlt sich ein wenig, als wäre man bei den Teletubbies gelandet. Die stehen auch immer wieder vor Rätseln, deren Lösung doch so einfach ist.

Die meiste Freude bereitet Matthias Kleinert in der Rolle des Osvald. Mit Leichtigkeit wechselt er zwischen dem eigensinnigen und aufbrausenden Einsiedler und dem sanften, romantischen Onkel, der Laura und Roland von dem Angebot, Geld gegen Liebe zu tauschen, überzeugen will – und dabei selbst noch an die wahre Liebe glaubt. Kleinert fügt sich perfekt in diese absurde Welt aus Gummiboden und Schilderwald. Wie an einem Bungee-Seil pendeln die Zuschauer zwischen Frohsinn und Entsetzen und fühlen sich vor allem gut unterhalten.

Quelle: op-online.de

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