„Unseld hätte das nie gemacht, das weiß ich“

Volker Michels über Abwanderungspläne von Suhrkamp nach Berlin: Frankfurt ohne Suhrkamp – das scheint vielen so undenkbar wie Frankfurt ohne Buchmesse.

Nachdem deren zeitweise drohende Abwanderung gen München abgewendet ist, hat die Angst vor dem Bedeutungsverlust einen neuen Anlass: Sicher ist, dass sich die Geschäftsführung des Suhrkamp-Verlags mit dem Gedanken trägt, nach Berlin zu ziehen. Noch ist ungewiss, wie die Entscheidung ausfällt oder ob sie schon getroffen ist. Ein Termin für die Bekanntgabe wurde nicht genannt. Dass die Frankfurter Kulturszene überwiegend mit Ablehnung reagiert, verwundert nicht (dazu: Zitate).

Zu den Skeptikern zählt Volker Michels. Der in Offenbach lebende langjährige Lektor, Spezialist für das Werk Hermann Hesses, schickt voraus: „Ich bin kein Unternehmer. Ulla Unseld-Berkéwicz hält die meisten Anteile und kann frei entscheiden.“ Zwar mag Michels nicht über das Ergebnis spekulieren, kommt aber beim Aufzählen der Fakten zu einer klaren Tendenz: „Es gibt eine Immobilie in Berlin, die Verlegerin hat dort verwandtschaftliche Beziehungen, Geschäftsführer Thomas Sparr ist der Hauptstadt verbunden.“

In zwei Punkten ist sich Michels sicher: „Siegfried Unseld selbst hätte das nie gemacht. Das weiß ich.“ Mit der 2002 gestorbenen Verleger-Legende hat er fast 40 Jahre zusammengearbeitet. Und: „80 Prozent der Mitarbeiter sind dagegen.“ Deren Zahl, die schwankt und seit 2006 um knapp ein Fünftel zurückgegangen ist, liegt nach Michels’ Schätzung derzeit um die 120.

Dass alle nach Berlin umziehen müssen, will er nicht glauben. Michels hofft, dass zumindest eine Zweigstelle in Frankfurt bleibt. Ihm kann es im Grunde egal sein, er ist seit März vergangenen Jahres offiziell in Rente. Über einen Zusatzvertrag hat Michels mit Suhrkamp aber vereinbart, dass er begonnene Editionsprojekte abschließen kann, „und das sind eine Menge“. Noch ist er jeden zweiten oder dritten Tag im Verlagshaus an der Lindenstraße im Westend, um die Herausgabe voranzutreiben. Früher war er jeden Tag da, der Technik und der Schreibkraft wegen. Sonst arbeitet er zu Hause in Offenbach, wo sich auch sein riesiges Hesse-Archiv befindet. „Und es gibt ja E-Mail und Telefon.“

Falls Suhrkamp wirklich Frankfurt verlässt, fände Michels das „schade“. Wird die Marke der berühmten regenbogenfarbenen „edition suhrkamp“, die jahrzehntelang linksintellektuelle Bücherregale zierte, doch stark mit der Mainmetropole verbunden. Darin veröffentlichten Autoren, die das geistige Leben der Bundesrepublik prägten, darunter Philosophen der Frankfurter Schule – von Theodor W. Adorno bis Jürgen Habermas.

Den Berlin-Bezug findet Michels („Ich bin mehr für die Vergangenheit als für die Zukunft kompetent“) weniger ausgeprägt. Obwohl dort die Wurzeln des Verlags liegen: 1886 hatte Samuel Fischer in der Reichshauptstadt den Verlag S. Fischer gegründet, der nach seinem Tod 1934 geteilt wurde. Sein Schwiegersohn Gottfried Bermann Fischer ging ins Exil, wo er in verschiedenen Städten die im Dritten Reich missliebigen Autoren verlegte; Peter Suhrkamp übernahm die verbliebenen Schriftsteller und leitete den Verlag bis 1944, als er verhaftet und ins KZ gesteckt wurde. Beide überlebten die NS-Zeit.

1950 kam es zum Zerwürfnis: Statt der angedachten Fusion gründete Suhrkamp seinen eigenen Verlag, der wie S. Fischer seinen Sitz in Frankfurt nahm. Die 48 Autoren konnten wählen. 33 entschieden sich für Suhrkamp, an der Spitze Hermann Hesse und Bertolt Brecht. Bis heute bilden beide das finanzielle Rückgrat des Hauses – wie Thomas Mann und Stefan Zweig bei S. Fischer, weiß Michels.

Sollte Suhrkamp weggehen, hätte dies keine literarischen, sondern politische Gründe. Nachdem Berlin 2004 die 1877 dort gegründete Verlagsgruppe Ullstein aus München abgeworben hatte, buhlt Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) um ein weiteres renommiertes Unternehmen aus der Buchbranche. Dass dies nur dank des Länderfinanzausgleichs und europäischer Fördergelder möglich ist, sorgt in Hessen für Unmut. Am Grundstück soll’s jedenfalls nicht scheitern: Die Stadt Frankfurt würde beim Umzug auf eine andere Liegenschaft helfen ...

(Markus Terharn)

Quelle: op-online.de

Kommentare