Büchners „Woyzeck“ im Schauspiel Frankfurt

Unspektakuläres Theater - im besten Sinne

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Niels Kahnwald als Woyzeck

Frankfurt - Zwei klar voneinander abgegrenzte Welten gibt es hier. Die eine ist die von Woyzeck und seiner Marie. Da herrscht eitel Sonnenschein, eine beseelte Innigkeit, wie unter frisch Verliebten. Von Stefan Michalzik

In einer tragischen Weise hat diese Verbundenheit auch kein Ende, nachdem Woyzeck mitansehen musste, wie ein Eindringling aus der anderen, der äußeren Welt, Marie in einem Pas de deux verführt.

„Ein guter Mord, ein echter Mord, ein schöner Mord, ...“ heißt es in Georg Büchners Drama ,,Woyzeck“, das der 1837 mit nur 23 Jahren im Zürcher Exil verstorbene Geburtsjubilar als fragmentarischen Steinbruch hinterlassen hat. Die letzte Zuschreibung dieser Trias - ein schöner Mord - hat der junge Regisseur Christopher Rüping, der unter dem Titel ,,Woyzeck. Als ging die Welt in Feuer auf“ eine eigene Variante an den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels inszeniert hat, gleichsam beim Wort genommen. In der Mordszene streicht Niels Kahnwald als Woyzeck seiner Marie - Wiebke Mollenhauer - mit dem Finger Theaterblut auf Oberteil und Hals. Mit Zärtlichkeit - ein poetisches Bild.

Ein schlechter Kerl ist dieser Woyzeck, der bei Niels Kahnwald so ungemein weich und normal wirkt, ganz bestimmt nicht. Von Übel dagegen sind die Verhältnisse, die ihn bedrängen. Weil Woyzecks Salär als Soldat nicht ausreicht, um die Familie zu versorgen, verdingt er sich für ein menschenschinderisches medizinisches Experiment. Monatelang muss er sich ausschließlich von Erbsen ernähren, mit der Folge von Bewusstseinstrübungen.

Ein Halbrund vorsintflutlich anmutender Elektronikschränke aus der Nachkriegszeit bestimmt Ramona Rauchbachs über die nicht ganz eineinhalb Stunden Spieldauer hinweg einheitliches Bühnenbild. Der von Michael Goldberg lakonisch-diabolisch gezeichnete Doktor, der Woyzeck leibhaftige Ringelwürmer auf die Brust setzt, behandelt ihn auch menschlich wie ein Studienobjekt.

Die Figuren um Woyzeck herum sprechen bisweilen in einen alten Bakelit-Telefonhörer, über Lautsprecher werden ihre Stimmen zu einem fiesen gesellschaftlichen continuo. Mitunter auch kommen sie aus dem Hintergrund, oder vielmehr: Hinterhalt. Im Chor stimmen sie das Volkslied vom Jäger aus Kurpfalz an. Die Frage nach dem Schluss, nach dem Schicksal Woyzecks, bleibt so offen wie in Büchners Hinterlassenschaft.

Rüpings Betrachtungsweise ist analytisch. Die das zum Scheitern verurteilte romantische Paar umgebenden Figuren sind satirisch-fratzenhaft angelegt, ohne dumpfe Übertreibung. Der Humor bleibt unterschwellig. Christopher Rüping hat die Folge der Szenen frei umgestellt, er hat auch welche gestrichen. Letztlich aber erzählt er die episodisch strukturierte Geschichte mätzchenfrei. Ohne viel Aufhebens, ohne Willkürakte, mit starken Schauspielern. Unspektakuläres Theater im besten Sinne.

Quelle: op-online.de

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