Unter dem Riesenrad

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1900: Tanja Ariane Baumgartner (Der Alt; oben sitzend), Shawn Mathey (Der Tenor; in der Gondel) und Ensemble

Frankfurt - Nur wer wagt, kann auch gewinnen. Wie Elisabeth Stöppler, die Alexander von Zemlinskys „Lichtstrahl“, Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ und Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ in der Kammerorchesterfassung des in Nieder-Roden aufgewachsenen Jens Joneleit szenisch miteinander verwoben hat. Von Klaus Ackermann

„1900“ nennt die Regisseurin dieses ewige Lied um Liebe und Tod, das in der Opern-Werkstatt Bockenheimer Depot knapp zwei Stunden für Spannung sorgte. Von den Gesangssolisten Tanja Ariane Baumgartner, Shawn Mathey und elf Schauspielern sowie dem Frankfurter Museumsorchester unter Leitung von Yuval Zorn kontinuierlich geschürt. Angemessene ironische Distanz nimmt der Trilogie ihre Zentnerschwere.

Die Trümmer des offenbar ins Depot gestürzten Wiener Riesenrads können vorab begangen werden (Ausstattung: Hermann Feuchter). Während Pantomimen auf die Gesellschaft um 1900 einstimmen – als Diva, als süßes Mädel oder historisch gewandet (Kostüme: Frank Lichtenberg). Derweil eine verrucht anmutende Dame (Ansi Verwey) einen Endloswalzer in die Klaviertasten drückt, abrupt vom mit Jahrhundertwende-Schick eingekleideten Zorn am Pianoforte verdrängt, der Zemlinskys Mimodram anstimmt – im Dreivierteltakt, dem Metrum des dreiteiligen Abends. Wobei Zemlinkys laut verlesene Vortragszeichen, in Körpersprache umgesetzt, der todernsten Dreiecksgeschichte parodistische Momente bescheren, wie im Klavierstück vorgegeben. Eine theatrale Fingerübung, in strenger Choreografie (Dorothea Ratzel), die alle Stücke auszeichnet.

Trinklied vom Jammer der Welt

Stimmig die Übergänge: Wenn das Kammerorchester die leicht schräge linke Seite erklimmt, wird das Schönbergs „Verklärter Nacht“ zu Grunde liegende Dehmel-Gedicht einer Liebenden, die das Kind eines anderen erwartet– zuvor vom Tenor hinterlassen – in verschiedenen Rollen mehr vorgelesen als rezitiert. Zorn lockt die glühende, expressive Klangkraft des Zwölftonmusik-Erfinders, deren modernistische Vorzeichen die Gesellschaft nach anfänglicher Andacht in Panik zu versetzen scheinen.

Das ist ebenso inszenierte Musik wie Mahlers sechs Lieder von der Erde auf chinesische Dichtkunst, für die der an deutschen Opernhäusern viel beschäftigte Joneleit eine Kammerorchesterfassung schrieb. Ohne Substanzverluste hat der gebürtige Offenbacher den dauerhaft düsteren Mahler-Klang noch durchsichtiger gemacht und die dramatischen Entwicklungen angespitzt. Von Zorn akribisch erforscht, der am Dirigierpult an Mahler-Porträts erinnert, giert das zwischen insistierenden kleinzeiligen Motiven im Fünftonraum, giftigen Bläserentwicklungen, seelenvollem Flötenton und einer Grauen schürenden Bassklarinette nach Szene.

Beim „Trinklied vom Jammer der Welt“ geht Mineralwasser von Hand zu Hand, von Mund zu Mund – Ekel-Drastik inbegriffen. Schon da singt Tenor Shawn Mathey auf Leben und Tod, stimmlich stabil in den gellenden Affekten wie beim viertaktigen hohen B. Die „Jugend“ wird er verfluchen und als „Trunkener im Frühling“ in einem wilden Rausch sein Leben zuckend aushauchen.

Noch am 12., 15., 17., 20., 21., und 23. Januar

Während Tanja Ariane Baumgartner zwischen Transportkartons aus dem Todesschlaf erwacht, um als „Einsame im Herbst“ mit geradlinigem, hoch expressiven Alt die Sonne der Liebe zu suchen, von der Schönheit zu künden und handfeste Lust zwischen den Geschlechtern zu beschwören. Eine Gesellschaft zwischen Liebeshingabe und Todesangst, die sich durch Riesenradtrümmer hangelt.

Szenisch packend schließlich auch der langwierige Grabgesang, die Zeit aufgehoben in der Ewigkeit, bei immer sparsameren Klang, am Ende „gänzlich ersterbend“. Optisch ist die gewisse Magie im trostlosen End-Spiel, wenn sich projizierte menschliche Abbilder wie Gewürm am Riesenradholz gen Himmel schlängeln. Starker Beifall für alle – allemal vorbeugend gegen akuten Weltschmerz.

Quelle: op-online.de

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