Unter Starkstrom

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„Fragen Sie, fragen Sie!“: Regisseur Harry Kupfer beim Interview in der Frankfurter Oper.

„Fragen Sie, fragen Sie“, sagt Harry Kupfer, spürbar unter Starkstrom, während der Fotograf seine Kamera in Anschlag bringt. Tatort ist die Oper Frankfurt, wo der Weltklasse-Regisseur es kaum erwarten kann, „Fausts Verdammnis“ zu proben. Von Klaus Ackermann

Die dramatische Legende von Hector Berlioz wird nach über 30 Jahren am Willy-Brandt-Platz neuinszeniert. Mit Matthew Polenzani in der Titelrolle und Alice Coote als Margarete. Dem Frankfurter Museumsorchester steht Julia Jones vor, Premiere ist am Sonntag, 13. Juni, um 18 Uhr. Goethes „Faust“ hat den romantischen Klangmaler zu einer Mischung aus Oratorium und Nummernoper bewegt, die reich an magischen Momenten ist. Das beginnt in der ungarischen Puszta, wo dem des Lebens überdrüssigen Helden vom Mephisto ewige Jugend versprochen wird. Ehe das Drama seinen üblichen Lauf nimmt, mit unüblichen Ende: Faust fährt zur Hölle, während die von ihm verführte und des Mordes an ihrer Mutter beschuldigte Margarete erlöst wird.

Für Harry Kupfer, der so wenig von einem Welt-Star hat und diese „Faust“-Version schon etliche Male inszenierte, ist der Stoff nach wie vor von hohem Reiz, weil sehr frei interpretierbar. Dabei sei die Musik seine große Ideenquelle. „Ohne Musik geht bei mir gar nichts“, sagt er kategorisch. Deshalb habe er auch noch nie ein Schauspiel inszeniert. Mehr ist ihm über seine Bühnenarbeit nicht zu entlocken, bei der sein „Alter ego“ Hans Schavernoch als Ausstatter fungiert. „Der Gegenwart auf der Spur“ titelt eine Kupfer-Biografie. Gegenwartsbezug sei bei starken Stoffen immer möglich, sagt der Regisseur, der überlegt, was Menschen zur Uraufführung aufgeregt hat und was sie heute aufregen könnte.

Deshalb muss sein „Faust“ nicht in der U-Bahn oder in der Badewanne spielen. Das ist bei Kupfer nur „modischer Schnickschnack“, der mit Kollegen hart ins Gericht geht, die den Skandal schon mitinszenieren. Da sei oft der Opernstoff größer dimensioniert als der Geist des Regisseurs … Das sagt ein Bühnenmann, der Zeit seines Lebens auch um Operette und Musical keinen Bogen gemacht hat.

An die 200 Opern hat Harry Kupfer weltweit in Szene gesetzt. Bleiben da überhaupt noch Wünsche übrig? Manche Stücke inszeniere er nach zeitlichem Abstand gern aufs Neue. Vor allem wenn er meint, dass er noch nicht alles gesagt habe. Aber auch bei Russen und Franzosen gebe es Nachholbedarf, so Kupfer. Demnächst wird er die „Ariadne“ von Richard Strauss in Wien auf die Bühne bringen und Wagners „Tannhäuser“ in Zürich. „Die nächsten zwei Jahre herrscht Vollbeschäftigung“, berichtet der Altmeister, der auch noch eine Professur an der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler innehat und erst aufhören will, „wenn ich eine dreistündige Chorprobe nicht mehr ohne mich hinzusetzen schaffe“.

Um die Zukunft der Oper ist der gebürtige Berliner eh nicht bang – so lang es noch seriöse Intendanten gebe, „die am guten Geschmack des Publikums arbeiten“. Bei der Probenarbeit sei er kein General, sondern ein Demokrat. „Aber kein Schwätzer“, sagt Harry Kupfer. Wie wahr!

Quelle: op-online.de

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