Unzüchtige Träume

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James Joyce

Es ist ein Abend der tiefen Töne. Die hat Jürgen Wuchner dem Jahrhundertroman „Ulysses“ von James Joyce (1922) abgelauscht. Und sich durchs Schlusskapitel, Molly Blooms inneren Monolog, zu der Musik-Text-Collage für Jazzband und Frauenstimme inspirieren lassen, die er in der vollbesetzten Romanfabrik Frankfurt zu beeindruckender Aufführung bringt. Als Molly hat Hannelore Elsner ein Heimspiel. Von Markus Terharn

In den Bauch sollen die Klänge gehen, kündigt die Schauspielerin an – wiewohl das Buch durchaus auf noch tiefer gelegene Körperregionen abzielt. Tatsächlich beginnen die „Continued Tales of Ulysses“ mit einer Ursuppe, tonlos gespielt, aus der allmählich erst einzelne Motive aufzucken. Dann nimmt das Quartett Fahrt auf.

Wuchner treibt seine Kollegen mit fünfsaitigem Kontrabass vor sich her, dem er erstaunliche Virtuosität entlockt. Janusz Stefanski streichelt seine Perkussionsinstrumente eher, als dass er sie schlägt. Wollie Kaiser bevorzugt das abgründige Register von Bass- und Kontrabassklarinette. In der Melodieführung wechselt er sich ab mit Manfred Becker, dessen Akkordeon seine charakteristische Farbe einträgt.

Diktion zu damenhaft für die mitunter derbe Protagonistin

Auch Elsner bedient das dunklere Spektrum. Ihre angenehme Stimme ist vielleicht eine Spur zu schön, ihre gepflegte Diktion zu damenhaft für die direkte, mitunter derbe Protagonistin. Deren stark sexualisierter Bewusstseinsstrom, in Hans Wollschlägers gelehrter Suhrkamp-Taschenbuch-Übersetzung satte 70 Seiten lang, ist auszugsweise geschickt zusammengefasst.

Um Geschlechtsverkehr geht es, sei es nur in Gedanken, gern auch mit einem Priester. Um Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte, Träume. Alles unverblümt ausgedrückt, ganz nah an der gesprochenen Sprache, ohne Punkt und Komma. Und weil sich das so nicht vortragen lässt, setzt Elsner unauffällig Pausen. Sie macht den Text atembar. Und sie bringt seine Sinnlichkeit herüber, ohne anstößig zu wirken.

Davor, zwischendrin, am Ende immer wieder Wuchners Musik. Spannung und Entspannung, wie es gerade nötig ist. Das Tempo anziehend und drosselnd, unerhörte Effekte produzierend, die jedoch nicht Selbstzweck sind. Und – überraschend – mit Humor!

Quelle: op-online.de

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