Wenn die Erinnerung nicht trügt

Frankfurt - Zwei Schauspieler im gestandenen Alter, fein herausgeputzt in grauem Kostüm und Anzug. Beide stehen in der Mitte der Bühne, den Blick ins Publikum gerichtet. „Ich erinnere mich“, fängt einer der beiden an, hernach macht der andere weiter, so geht es hin und her. Von Stefan Michalzik

Gut eineinviertel Stunden lang. Kleine Begebenheiten, Schlaglichter, Details. Lebenssplitter, keine ganzen Geschichten. Aus Kindheit und Jugend, aus beider Theaterleben, auf Zuruf eines Buchstabens aus dem Alphabet. Schöne Erinnerungen, etwa an einen Schwarm der Jugendzeit. Unangenehme, wie die an die Fehlleistung eines Zahnarztes. Belanglosigkeiten oft. „Die Verpackung des Markenzwiebacks von Brandt, in der wir unseren Vogel bestattet haben. “ Private Erinnerungen und solche, die sich mit dem kollektiven Gedächtnis decken: Nachkriegszeit, die RAF-Jahre und der Deutsche Herbst.

Das unter dem Signum „Auftrag : Lorey“ firmierende Regieduo um Stefanie Lorey und Bjoern Auftrag, beide einst Absolventen des Studiengangs für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, arbeitet nicht mit dramatischen Texten, es entwickelt seine Findungen in einem gemeinschaftlichen Prozess mit den Schauspielern. Traute Hoess und Felix von Manteuffel, die beiden Akteure des zur Saisoneröffnung des Frankfurter Schauspiels in den Kammerspielen zur Premiere gebrachten Stücks „Bouncing in Bavaria“, bringen ihre Erinnerungssplitter in jener Rohheit hervor, mit der die Erinnerung - die Gegenstand der Betrachtung ist - alles miteinander verwirbelt. Und dies in in einer unergründlichen Zufallsselektion, die mitunter Unerhebliches bewahrt und Wichtiges der Vergessenheit anheimfallen lässt. Manche einst ernstgemeinte Ambition wirkt aus der heutigen Perspektive in rührenden Weise von der Zeit überholt. So der Versuch, mit dem „Theaterkollektiv Rote Rübe“ die Welt revolutionär zu verändern.

Die dramaturgische Monochromie wird mittels Video- und Klangeinspielungen (Konny Keller) aufgebrochen. Der Raum (Ausstattung: Ralph Zeger) ist weiß und neutral. Im Hintergrund hält die ganze Zeit über Lili Mihajlovic, jung und im flatternden weißen Kleid der Unschuld, in skulpturenhafter Starre die Fluchtleuchte über einer Bühnentür bedeckt. Irgendwann wird ein Gebirgswiesenpanorama auf die Rückwand projiziert, Kühe ziehen vorüber. Heiterkeit.

Ein solches Bühnenspiel garantiert allemal Kurzweil. Es zaubert ein Lächeln auf die Gesichter des Publikums, das nicht mit Applaus geizt, Man könnte zwar auch sagen, dass sich das Theater ein leichtes Spiel macht, aber das soll kein Grund zum Mäkeln sein. Mag der Ansatz spielerisch sein, leichtfüßig unernst ist er nicht.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Gabi Schoenemann/pixelio.de

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