Das hohe „C“ im Fünferpack

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Ein Tenor von Statur: Paul Groves singt in Leos Janaceks später Oper den Gregor.

Frankfurt - Er ist der Romantiker in dieser rabenschwarzen Komödie über den Sinn ewigen Lebens: US-Tenor Paul Groves verkörpert in Leos Janaceks „Die Sache Makropulos“ den Urenkel einer mittlerweile 300-jährigen Primadonna. Und hat dabei Spitzentöne im Fünferpack zu singen. Von Klaus Ackermann

1929 an der Oper Frankfurt erstaufgeführt, kehrt das vorletzte Bühnenwerk des Tschechen jetzt an den Main zurück. In der Inszenierung des Briten Richard Jones und unter der musikalischen Leitung von Friedemann Layer mimt Susan Bullock die geheimnisvolle Sängerin. Premiere ist am Ostersonntag um 18 Uhr am Willy-Brandt-Platz.

„Gregor sieht sich als Poet und fühlt sich daher hingezogen zu der Künstlerin, nicht ahnend, dass er mit ihr verwandt ist“, sagt Groves zu seiner Rolle in der Oper um die „Sache Makropulos“, ein Rezept zur Unsterblichkeit, auch Gegenstand eines über Jahrhunderte geführten Rechtstreits. „Vom wirklichen Leben ist Gregor weitgehend abgeschnitten“, so der Tenor. Die immer auf Klarheit bedachte Inszenierung von Richard Jones sei schrecklich und witzig zugleich und erinnere ihn an die schwarzen Filmkomödien der Coen-Brüder („No Country for Old Men“).

Stimmlich hat Groves klare Vorstellungen

Für seine Rolle als Grieche habe er sich einen Bart wachsen lassen, wozu er nur drei Wochen brauchte, sagt Groves: „Viele Tenor-Kollegen klagen über starken Bartwuchs. Warum das so ist, weiß keine.r. Erstmals mit einer Janacek-Oper befasst, erläutert der Sänger den fragmentarischen Charakter dieser Musik mit ihren minimalistisch anmutenden Wiederholungen kleinster Motiv-Partikel. Die Stimme wird wie ein Instrument behandelt, dicht am Text und im nächsten Moment in eine Puccini-ähnliche Melodie mündend. Werde beim italienischen Belcanto das hohe „C“ über Takte hin gehalten, so sei es hier auf drei Silben verteilt. Gar nicht so einfach.

Der russischen und polnischen Sprache teilhaftig – vor allem der kyrillischen Buchstaben – hat den Amerikaner beim tschechischen Text (in Frankfurt deutsch übertitelt) allein das normale Alphabet irritiert. Viel geholfen habe vor allem Sprach-Coach Radmila Homolka und der tschechische Tenor-Kollege Ales Briscein (Janek).

Stimmlich hat Groves klare Vorstellungen. Möchte er doch nicht zu den Tenören gehören, die ihr Leben lang Mozart singen, obwohl er den Salzburger verehrt. Auch die Wagner-Partien hätten viele lyrische Momente, nur eben stärker – gegen das übermächtige Orchester – zu singen. „Wagner – that’s Mozart on steroids (ein gedopter Mozart)“, sagt der Amerikaner, zu dessen Lieblingsopern die „Meistersinger“ und Verdis „Otello“ zählen. Seine erste Wagner-Rolle war der Steuermann im „Holländer“ an der New Yorker MET, eine Stunde vor Premierenbeginn für die erkrankte Erstbesetzung eingesprungen. „You will be fine (Du machst das prima)“, hatte damals Matti Salminen (Daland) väterlich orakelt.

Seit 20 Jahren tourt der Tenor Paul Groves nun durch Europa

In der Jazz-Hauptstadt New Orleans geboren und solchermaßen offen für viele Genres, stammt Groves aus einem musikalischen Elternhaus – Mutter Sopranistin, Vater Dirigent des Louisiana State University Orchestra. Keine Chance, etwas anderes als Opernsänger zu werden, was ihm auch seine Lehrerin Martina Arroyo riet, Opernstar der 1960er und 70er Jahre.

Seit 20 Jahren tourt der Tenor Paul Groves nun durch Europa, dem gelobten Opernland. „Weil hier das Publikum immer gut informiert und daher weitaus kritischer ist als in den Staaten, wo schon aus finanziellen Gründen nur Bestseller in unproblematischen Inszenierungen angeboten werden“, so Groves, dem es vor allem Deutschland angetan hat: Eine Schweinshaxe und ein Weizenbier – denn Liebe geht bekanntlich durch den Magen.

Derzeit wohnt er mit Ehefrau und zwei Töchtern im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen und berichtet von einem weiteren Erfolgserlebnis: Am Morgen vor dem Interview hat seine zehn Monate junge Tochter allein die ersten Schritte ins Leben getan.

Quelle: op-online.de

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