Utopie auf dem Prüfstand

+
Schlicht und bescheiden Weisheit gesprochen: Heinz Kloss brilliert als Darmstädter Nathan.

Bald ein Vierteljahrtausend ist Lessings aufklärerisches Toleranzdrama „Nathan der Weise“ alt, und doch hat es in keiner Zeile an Aktualität eingebüßt. Von Franziska Ehrhardt

Wie zu Lessings Zeiten ist auch heute der Kampf um Macht und Deutungshoheit des Glaubens, der Krieg der Religionen allgegenwärtig – man denke nur an die schwelenden Konflikte zwischen Juden und Palästinensern im Nahen Osten oder an die Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen im ehemaligen Jugoslawien.

Wer glaubt, für interreligiöse Zwiste über die Ländergrenzen schauen zu müssen, den belehrt die Debatte um den Hessischen Kulturpreis 2009 eines besseren – in den Hauptrollen: der muslimische Schriftsteller Navid Kermani sowie die Kirchenmänner Karl Kardinal Lehmann und Peter Steinacker. Recht und Unrecht auf beiden Seiten, imaginierte Feindbilder und jede Menge Vorurteile – eingebettet in eine verzwickte Familiengeschichte plädiert Lessing für Toleranz und Humanismus.

Im Jerusalem zu Zeiten der Kreuzzüge tragen der Kaufmann Nathan und seine Ziehtochter Recha, der Sultan Saladin und ein junger Tempelherr nicht nur mit den jeweils anderen Religionen, sondern vor allem mit sich und ihren Ansichten heftige Kämpfe aus, bis Lessing sie alle miteinander aussöhnt: Die verfeindeten Glaubenslager verwandtschaftet der Dichter am Ende auf Kosten eines „Happy Ends“ der jungen Liebenden. Mehr noch: Er hält den drei monotheistischen Weltreligionen den Spiegel vor, proklamiert Einsicht und Gleichheit statt Streit.

Weitere Aufführungen  von „Nathan der Weise“: Am 26. September sowie 3., 10. 25. und 29. Oktober.

Lessings Botschaft transportiert die zweistündige Inszenierung unter der Regie von Patricia Benecke im Staatstheater Darmstadt vor allem durch ihre Schlichtheit. Sie lässt der aufklärerischen Vision Raum zur Entfaltung, ebenso der Kraft der Sprache. Statt zwanghafter Modernität wird mit minimalistischer Zeitlosigkeit von Bühnenbild und Kostümen umso nachdrücklicher die Aktualität der Thematik vor Augen geführt. Lessings Lehrstück von Idealen wie Respekt, Menschlichkeit und Toleranz wird auf diese Weise genauso mühelos wie überzeugend in die Gegenwart gebracht – ein Geniestreich, welcher der visionären Kraft des Stücks auf Nachdruck verleiht.

Das Grau der Bühne oder auch ein in Nadelstreifen gewandeter Sultan (Aart Veder), der sich in seiner Mitmenschlichkeit sonnt, bringen die Parabel ins Zeitgeschehen. Im Zentrum all dessen steht der brillante Heinz Kloss, dessen Nathan den Sultan in der Ringparabel ambivalent mit einem utopisch-schönen Märchen abspeist und gleichzeitig derart schlicht und bescheiden Weisheit spricht, dass es einem eiskalt den Rücken herunterläuft.

Es kann wohl sein, dass mein Nathan im Ganzen wenig Wirkung tun würde, wenn er auf das Theater käme, welches wohl nie geschehen wird“, schrieb Lessing vor 230 Jahren. „Genug, wenn er sich mit Interesse nur lieset, und unter tausend Lesern nur einer daraus an der Evidenz und Allgemeinheit seiner Religion zweifeln lernt.“ Der minutenlange aufrichtige Applaus zeugt davon, dass es dem Ensemble und Regie vorzüglich gelungen ist, diese Botschaft nicht nur überzeugend, sondern auch ergreifend zu vermitteln.

Quelle: op-online.de

Kommentare