Ring frisch geschmiedet

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Dietrich Volle, Martina Dike, Kurt Streit, Richard Cox und Terje Stensvold in der Neuinszenierung

Keine Mythen und moderate Zaubertricks: Es menschelt in der Frankfurter Neuinszenierung von Richard Wagners „Rheingold“. Denn Vera Nemirovas Götter, Riesen, Rheintöchter und Zwerge, deren Charakter mit psychologischem Gespür entwickelt wird, könnten einem hier und heute begegnen. Von Klaus Ackermann

Und weil dies nicht mit zwanghaftem Aktualitätsdrang einhergeht, klanglich von Sebastian Weigle und dem Museumsorchester ideal abgesichert ist und Rollendebüts für Frische sorgen, macht dieser „Ring“-Einstieg neugierig auf mehr. Beim Vorspiel, Genesis des Klangs aus rabenschwarzen Es-Dur Tiefen, liegt selbst der Orchestergraben im Dunkeln. Nur an Weigles Taktstock irrlichtert es.

 Schicht für Schicht trägt der Dirigent mit großer Gelassenheit auf, bis das Netzwerk an Motiven die Geschichte vorantreibt: Auf schräger kreisförmiger Scheibe scheint der Rhein zu rotieren, wie das Auge eines Hurrikans anmutend. Nach oben und unten erschließen vier sich drehende Ringe neue Räume (Ausstattung: Jens Kilian). Ein abstrakter Bühnenbau also, auf dem sich konkret Menschliches ereignet.

Barbara Zechmeister, leidend, aber immer expressiv

So sind die drei Rheintöchter, Hüter des güldenen Schatzes, nach dem üblichen „Wagelaweia“ zünftige Party-Girls – Britta Stallmeister, Jenny Carlstedt und Katharina Magiera, deren Soprane Charakter bezeugen wie selten in diesen Rollen –, die den tückischen Zwerg Alberich handfest foppen, der sich bitter rächt. Stiehlt er doch das Rheingold und lässt den vermaledeiten Ring schmieden, den ihm Göttervater Wotan mit Hilfe des listigen Feuer(wehr)manns Loge wieder abjagt, um die Riesen zu bezahlen, die ihm Walhalla gebaut und Freia (Barbara Zechmeister, leidend, aber immer expressiv) als Pfand genommen haben.

Eine tenorale Macht

Diesem Alberich also, Jochen Schmeckenbechers Bariton reizt das auch stimmlich voll aus, gehören selbst als tückischer Nibelung, der seine Zwerge ausbeutet und seinen Bruder Mime (Hans-Jürgen Lazar) quält, viele Sympathien. Dass Alberich – im goldfarbenen Smoking – das Rheingold schon in Papiergeld eintauschte, ist die aktuelle Randnotiz – und erspart manche Schlepperei. Der einzige Exot (Bastrock) in dieser Runde schwebt vom Bühnenhimmel herab: Kurt Streit als Feuergott Loge ist nicht nur stimmlich eine tenorale Macht, sondern wirkt trotz aller Hinterlist authentisch, ehrlich. Auch so ein Drahtzieher, der offenbar selbst bei der züchtigen Wotan-Gattin Fricka (Martina Dikes mit fein timbriertem Sopran) Chancen hat. Schade dass ihn Wagner nur im „Rheingold“ braucht …

Fafner und Fasolt im Proll-Outfit

Das bedauert sicher auch Regisseurin Nemirova, die uralte Götter paradieren lässt, wenn Wotan und Co. mangels Freias Äpfel die Jugend verlustig geht. Und dann gibt es noch den Wotan mit Speer und aufgemalter Augenklappe, den dies alles nur am Rande zu interessieren scheint, den erst die mütterliche Mahnerin Erda (Meredith Arwady mit tragfähigem Alt) aus vorübergehender Lethargie reißt, die der sonore Bassbariton Terje Stensvold stimmlich allerdings nie zulässt. Oder die Riesen Fafner (Magnus Baldvinsson) und Fasolt (Alfred Reiter) in Proll-Outfit (Kostüme: Ingeborg Bernerth), der lieber Freia als das Gold heimführen würde und den sein Bruder des Ringes wegen umbringt.

Nächste Aufführungen am 15. und 22. Mai.

All diese Handlungsebenen sind mit orchestralen Zwischenspielen verbunden, die Weigle regelrecht zelebriert. Magische Momente verhindert freilich die Bühnentechnik, ächzend und knarrend die Ringe in Bewegung setzend. Wenn am Ende Fafner mit Geldsäcken und Ring verschwindet mischen sich die Götter samt Seifenblasen-Produzent Froh (Richard Cox) und Donner (Dietrich Volle) leutselig unters Publikum. Ihr Ziel – Walhalla – liegt offenbar in der Intendantenloge, wo der Sekt kalt steht. Es menschelt halt allenthalben.

Quelle: op-online.de

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