NSU-Stück „Der weiße Wolf“

Verbissene Todessehnsucht

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Tosch (Torben Kessler) und Janine (Ines Schiller) warten auf den großen Knall.

Frankfurt - In ganz Deutschland arbeiten sich Theaterbühnen derzeit am Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ab. In Frankfurt wurde am Freitag „Der weiße Wolf“ uraufgeführt. Kann Theater mit Fiktion erklären, woran die Realität scheitert? Von Stefan Michalzik

Das Vorbild ist nicht zu verkennen. Es geht um ein Trio, eine Frau und zwei Männer, sie sind versunken in einem Wahn, dessen Züge sich zum Teil wie eine Art Kulturpessimismus von rechts darstellen. Sie beschwören „deutsche“ Werte und eine weiße Haut und eifern gegen eine Welt aus Plastik, gegen vergiftetes Essen und Make-Up, Dönerbuden im kalten Neonlicht und Importe von Industrieprodukten. Sie ermahnen sich gegenseitig, dass man nicht „okay“ sagt, sondern „in Ordnung“.

Die Analogie zum NSU ist offenbar, einen dokumentarischen Anspruch aber verfolgt der Dramatiker Lothar Kittstein nicht mit dem Stück „Der weiße Wolf“, das er für die Kammerspiele des Frankfurter Schauspiels geschrieben hat. Es handelt sich um ein spekulatives Konstrukt, der Autor stellt einen mythologischen Bezug zu einer nationalistisch orientierten deutschen Ideengeschichte her, über den Nationalsozialismus bis zurück zu Barbarossa.

Ein finsteres Verlies

Ein finsteres Verlies ist der Raum, den Nehle Balkhausen für die Inszenierung von Christoph Mehler geschaffen hat, ein monumentaler herabgestürzter Balken weist ihn als Bruchbude aus. Janine (Ines Schiller) - schiefe Version eines blonden Engels im weißen Minikleid mit strähnigem Haar - ist schwanger von Gräck (Sascha Nathan), der sein rechts motiviertes Ordnungsdenken in eine berufliche Bahn als Türsteher einer Diskothek samt rassistischer Auslese gelenkt hat. Er hegt einen Groll wider die wohlhabende Klientel, das eigene Bestreben einer bürgerlichen Existenz bleibt wegen seines mageren Lohns unerfüllt.

Mit dem plötzlichen Auftauchen des einstigen „Kameraden“ Tosch (Torben Kessler) in der Gestalt eines gealterten Poppers in der Kunstlederkutte - bricht der ohnedies fadenscheinige Entwurf einer Paaridylle auf. Tosch, einst Liebhaber von Ines, beschwört die alten Zeiten eines gemeinschaftlichen Umherfahrens in der Mission eines gewalttätigen Erlösertums. Gewalt bestimmt auch die Binnendynamik. Ines gibt sich Tosch hin, der Übergang zu einer Vergewaltigung ist aber fließend. Alles in allem ist die Frau keineswegs auf den Nenner eines Opferstatus zu bringen. Sie tut kund, dass sie sieben Mädchen in die Welt setzen will, die sollen wiederum sieben deutsche Jungs gebären, für den Kampf.

Immer wieder wird das Phantasma eines imaginären Ostens berufen, es steht für den fiebrigen Traum einer ungezügelten Wildheit und Freiheit. Es ist eine gespenstische Welt, in der sich diese Figuren bewegen, die Schauspieler arbeiten die Verbissenheit und Todessehnsucht eindrücklich heraus und gehen bis an den Rand der Karikatur. Albern ist das aber nicht.

Lothar Kittstein hat manches geleistet, das Bild einer Melange aus Sehnsucht, Hass und Gewalt erscheint schlüssig. Gleichwohl stellt sich das Gefühl einer gewissen Unfasslichkeit ein; der Applaus bleibt freundlich. Das NSU-Motiv hat in dieser Spielzeit Konjunktur an den Theatern. Ein leichtes ist es damit nicht. Weitere Aufführungen am 14., 15., und 22. Februar, am 2., 5. und 26. März sowie am 3. April

Quelle: op-online.de

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