Brodeln in der Düsternis

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Der Mensch braucht Illusionen: Opernregisseur Erath will sie liefern.

Frankfurt - „Desdemona liebt Otello für seine Unglücke, er sie für ihr Mitleid“, sagt Johannes Erath. Wie schief das ausgehen kann, zeigt Shakespeare in seiner Tragödie, auf der Verdis Dramma lirico fußt, das der Jung-Regisseur an der Frankfurter Oper inszeniert. Von Klaus Ackermann

Die musikalische Leitung hat Generalmusikdirektor Sebastian Weigle, der sich mit Verdi offenbar ein wenig von Richard Wagner erholt. In der Titelrolle ist Carlo Ventre zu erleben, hierzulande schon mit Verdis „Don Carlo“ befasst. Premiere ist am Sonntag um 18 Uhr im Haus am Willy-Brandt-Platz.

Dieser Otello ist ständig starken Verletzungen ausgesetzt, ob als Farbiger, als Kriegsherr oder als Liebender. „Wenn ich dich (Desdemona) nicht liebe, kehrt das Chaos zurück“, zitiert Erath Shakespeare, ein Schlüssel zu seiner Inszenierung. Denn Chaos herrscht noch in der Sturmszene des Beginns vor allem in Verdis Musik, eine Art Dies irae für den Regisseur.

Der Krieg, das aufgewühlte Meer und endlich eine Insel, auf der Otello Frieden finden könnte. Doch dem Kampf gegen die Türken folgt ein von Jago initiierter Privatkrieg, sagt Erath – mit dem bekannten tödlichen Ende. Dieser Otello steckt voller Traumata, auf der Suche nach Harmonie behandelt er die geliebte Desdemona wie eine Heilige, doch das Chaos kehrt zurück, der tragische Ausgang ist in ihm selbst begründet, erkennt der aufs psychologische Tiefenlot setzende Regisseur. Der Eifersucht säende Jago dagegen ist einfach nur destruktiv, sein Credo nicht unter Verschluss haltend: „Nach dem Tode kommt nichts.“ Doch der Mensch braucht nun einmal Illusionen, weiß Erath. Dafür sei das Theater prädestiniert – Ort der Illusionen und des Nichts.

Diese komplexen inneren Zusammenhänge will der Regisseur aufreißen, will Denkanstöße geben und die Fantasie beflügeln. Dabei hat die Musik dem Verdi-Kenner den Weg gezeigt, der in Frankfurt bereits mit „Angels in America“ von Peter Eötvös erfolgreich war. Die Liebe des Württembergers zur Oper wurde während seines Musikstudiums in Wien geschürt. Als Geiger im Orchester der Wiener Volksoper kam bald die Erkenntnis: Ich will inszenieren! Ein Handwerk, das er neben anderen bei Willy Decker, Nicolas Brieger und Peter Konwitschny lernte, bis er sich freischwamm.

„Es brodelt in ständiger Düsternis, sogar das Melos scheint in Abwärtsbewegung, am Ende herrscht große Traurigkeit“ – so charakterisiert Erath Verdis „Otello“-Musik. Da dürften Sebastian Weigle und das Opern- und Museumsorchester in ihrem Element sein. Zu einer Wagner-Inszenierung brauchte der „Ring“-Dirigent den Kollegen übrigens nicht zu überreden. Die ist schon geplant.

Quelle: op-online.de

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