Oper im Doppel

Verfluchte Eifersucht

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Auf der Piazza vor der „Sportbar“ geht es gesellig, aber auch emotional zu.

Darmstadt - Die Eifersucht regiert doppelt: In „Cavalleria rusticana“ besiegt der Sizilianer Alfio im blutigen Rivalen-Duell den jungen Turiddu. Von Axel Zibulski

Raffinierter „Der Bajazzo“: Im Spiel einer Schauspielertruppe wiederholt sich exakt die Konstellation des echten Lebens – bis Chef Canio auf offener Bühne Gattin Nedda und Liebhaber Canio tötet.

In Michiel Dijkemas Neuinszenierung des veristischen Opern-Doppels beglaubigt im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt zweimal eine gewaltige Flamme einen Fluch. In Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ wünscht die verlassene Sizilianerin Santuzza ihrem untreuen Turiddu ausgerechnet an Ostern zornig alles Böse. Und in Ruggero Leoncavallos zweiaktigem Drama „Der Bajazzo“ brennt es, als der Komödiant Tonio von der allseits begehrten Nedda zurückgewiesen wird und ihre Schmach fordert.

Nicht nur das auflodernde Feuer verklammert in Dijkemas Neuinszenierung die beiden Opern, die seit ihren Uraufführungen im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts regelmäßig gekoppelt aufgeführt werden. Ungefähr in der Entstehungszeit der Werke siedelt Dijkema das sizilianische Eifersuchts-Drama „Cavalleria rusticana“ an. Wie auf einem Förderband schieben sich im eigenen Bühnenbild des Regisseurs Kirche und Kneipe ins Geschehen, von rechts ein Glockenturm, von links jene „Casa di Mamma“, aus der Turiddus Mutter Lucia (Elisabeth Hornung) die Spaghetti fürs ganze Dorf trägt. Der gleiche Szenenaufbau ist im „Bajazzo“ zu sehen, nur ist in Dijkemas Sicht seither ein Jahrhundert vergangen: Aus der „Casa“ wird eine graffitibeschmierte „Sportbar“, an der Kirche hängt ein orangefarbener Mülleimer, der längst einmal wieder geleert werden könnte. Die alte Glocke hat soeben das Zeitliche gesegnet, Vespa und Zweitakt-Dreirad stützen das liebevoll gezeichnete Italien-Klischee.

Beim Darmstädter Premierenpublikum kam Dijkemas bildschnelle Regie ähnlich gut an wie vor knapp zwei Jahren seine Wiesbadener Sicht auf Rossinis „Barbier von Sevilla“. So störte man sich nun in „Cavalleria rusticana“ auch nicht an manch eklatantem Regie-Fehler: Wenn am Ende eine Frau aus dem Volk aufgeregt Turiddus Tod verkündet, sieht man hier erst danach das Duell zwischen ihm und Alfio. Und der Clou von Leoncavallos „Bajazzo“ mit der zunehmend tragischen Durchdringung von Spiel und Realität vermittelt sich im ständig quirlig gezeichneten Italien von Heute ziemlich beiläufig.

Vokal bleibt in Darmstadt der Tenor Gor Arsenyan (Canio) eng und blass hinter seinem stattlich-strahlenden Stimmfach-Kollegen Joel Montero (Turiddu) zurück. Einzige vokale Klammer zwischen beiden Opern ist der souveräne Bariton Tito You, der als Mascagnis Fuhrmann Alfio ebenso liebesverschmäht wird wie als Leoncavallos Tollpatsch Tonio. Eine große Leistung bietet Katrin Gerstenberger als lebensherbe, aber doch glühend singende Santuzza, während im „Bajazzo“ Susanne Serfling als Nedda und David Pichlmaier als ihr Liebhaber Silvio atemberaubend kultivierten vokalen Glanz bieten. So ist man in ihrem großartigen Duett besonders dankbar für das insgesamt sängerfreundliche, einfühlsame, nie druckvoll-plakative Spiel des Darmstädter Staatsorchesters, das unter der Leitung seines neuen ersten Kapellmeisters Michael Cook die Doppel-Premiere fein und elegant stützte.

  • Nächste Vorstellungen am 11., 15. und 29. Dezember sowie am 12., 18. und 24. Januar.

Quelle: op-online.de

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