Verführer und Verführter

Radierung von Kurt Steinel

Ein „tragisches Reiseerlebnis“ ist manchem Grund zum Ärgern oder Anlass für Schadenersatzansprüche gegen den Veranstalter. Der Schriftsteller Thomas Mann hat daraus Weltliteratur gemacht: Seine Novelle „Mario und der Zauberer“ ist 1930 erschienen. Von Markus Terharn

Die meisterliche Figurenzeichnung hat ihrerseits bildende Künstler angeregt, sich mit diesem Text auseinanderzusetzen. So ist das Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum im Lübecker Buddenbrookhaus in der glücklichen Lage, der Erzählung erstmals eine ganze Ausstellung zu widmen – mit dreifachem Offenbach-Bezug!

Dies verdankt sich zum einen der Offenbacher Edition Volker Huber, die 2004 eine Ausgabe mit 17 ganzseitigen Illustrationen nach Original-Lithografien von Paul Wunderlich herausgebracht hat. Zweitens ist der frühere Rektor der Hochschule für Gestaltung (HfG), Kurt Steinel, mit sieben Radierungen von 1998 vertreten. Außerdem hat Volker Huber zum umfangreichen Katalog einen Aufsatz des italienischen Autors Dino Buzzati von 1965 über das reale Vorbild des fiktiven Magiers, Cesare Gabrielli, beigesteuert.

Ursache Mannscher Verstimmung war ein unerquicklicher Aufenthalt im toskanischen Badeort Forte dei Marmi (1926). Kraft seiner Beobachtungsgabe und Beschreibungsgewalt schuf der Nobelpreisträger 1929 daraus eine hellsichtige Studie gesellschaftlicher Veränderungen, die der Faschismus in Italien bereits bewirkt hatte und der Nationalsozialismus den Deutschen noch bescheren sollte.

Dieser Zeitbezug ist heutigen Lesern deutlicher als damaligen Rezipienten. So verraten Hans Meids skizzenartige, expressive Federzeichnungen der Erstauflage wenig Politisches, wirken in ihrer Skurrilität eher verharmlosend als bedrohlich. Kein Wunder, dass sie Mann „als Illustrationen nicht alle ganz lieb und gemäß“ waren, wie er seinen Verleger Samuel Fischer diskret wissen ließ. Hingegen zeichnet Heinz Minssen 1980 den Hypnotiseur und Manipulator Cipolla mit bewegter Feder, dabei auf Dynamik setzend.

„Thomas Manns ,Mario und der Zauberer’ und die Schatten des Faschismus“, bis 20. Juni im Buddenbrookhaus, Mengstraße 4, Lübeck. Geöffnet Montag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr

Steinel (gestorben 2005) geht entschieden weiter. Mit waagerechten und senkrechten Strichen, schwarz oder rot-braun, überdeckt er die Personen fast bis zur Unkenntlichkeit, lässt beispielsweise einzig das nackte kleine Mädchen hervortreten, das bei prüden Einheimischen Anstoß erregt. Sein Cipolla hat etwas Massig-Einschüchterndes, drängt die Opfer seiner Kunststücke aus dem Bild. Bis ihn der Kellner Mario, bei dessen Demütigung er überzogen hat, mit der Pistole niederschießt, was im Gewimmel untergeht.

Souverän hat sich Wunderlich (Jahrgang 1927) von der Vorlage gelöst. Mit klaren Linien und sparsamem Farbeinsatz kreiert er Gestalten eigenen Rechts – den jungen Mann mit markanter Frisur, die Pensionswirtin in theatralischer Duse-Pose, Cipolla mit Reitpeitsche und Rauchwolke, Verführer und Verführter widerlich im Kuss vereint.

Weiter befasst sich die Schau unter anderem mit der Ballett-Adaption des Regisseurs Luchino Visconti (Mailand 1956), der Verfilmung von und mit Klaus Maria Brandauer (1994), der Rezeption der Geschichte in Italien, ihrer Lesart in der DDR sowie dem Vater-Kinder-Verhältnis in Manns Werk und Leben. Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie der Sprach-Hexer von seinen sechs Sprösslingen genannt wurde: Zauberer ...

Quelle: op-online.de

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