Verlierer kehrt zurück

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Rummelplatz-Liebe: Ausrufer Liliom ( Oliver Kraushaar) lebt mit Julie (Henrike Johanna Jörissen) zusammen.

Frankfurt - Was für ein Auftritt! Oliver Kraushaar wienert als Jahrmarktbudenanimateur Liliom in Franz Molnárs gleichnamigem Stück mit radikalmimischem Furor und mannsbildhaftem Tonregister. Von Stefan Michalzik

Das ganze Ensemble agiert in der Inszenierung des Hausregisseurs Christoph Mehler für die Kammerspiele des Frankfurter Schauspiels hinreißend. Mehr als begleitend sorgt eine famose Kapelle um Oliver Urbanski, Jan Kahlert und Karl Wende mit Harmonium, singender Säge, Klavier, Kontrabass und Schlagzeug für Stimmung zwischen Polka und Sentiment. Das Publikum fühlt sich prächtig unterhalten.

Der Ungar Molnár hat sich mit der 1909 uraufgeführten, von Alfred Polgar ins Deutsche übertragenen Vorstadtlegende die Mittel des Volkstheaters effektsicher anverwandelt. Liliom, Ausrufer beim Ringelspiel der ihm erotisch verbundenen Frau Muskat auf dem Rummel im Stadtwald von Budapest, wird im Streit um sein Getändel mit Dienstmädchen Julie rausgeschmissen. Das charmante Raubein lebt mit Julie, sie wird schwanger. An Geld gebricht es; die Muskat will ihre Attraktion zurückholen. Liliom bleibt stiernackig, auch das Angebot eines Hausmeisterpostens schlägt er aus und lässt sich auf den Raubplan seines Kumpels Ficsur ein. Der Überfall scheitert, Liliom setzt seinem Leben mit dem Messer ein Ende.

Klamauk für die Nebenrollen

Mit viel Lust kostet Mehler den Humor aus. Für die Nebenrollen scheut er den Klamauk nicht. Marie, Julies sächselnde Freundin, ist bei Henrike Johanna Jörissen eine Brillenschlange, ehe sie sich mit dem grotesk biederen Dienstmann Wolf – Thomas Huber – zur neureichen Gattin des Aufsteigers mausert. Matthias Scheuring gibt den Schutzmann als Knüppelschwinger fast wie im Kasperltheater. Auch der Holzschnitt will gekonnt sein, und das ist er bei Mehler wie bei Molnár, der bestrebt war, dieses Vorstadtmärchen „so primitiv, so naiv auf die Bühne zu bringen, wie sie alte Frauen in der Josefstadt zu erzählen pflegen“.

Weitere Aufführungen am 21. September, 2., 3. und 6. Oktober

Kraushaar geht in die Vollen, doch er agiert ungemein klar und pointiert und lässt Untertöne mitschwingen. Lilioms spätes Bekenntnis zum Gefühl hat sein Pendant in der Frau Muskat von Heidi Ecks, die lange braucht, ehe sie hinter dauerwellenblonder Bodenständigkeit hervorkommt. Liliom geht durchs Fegefeuer und wird vom himmlischen Richter in der irdischen Gestalt des Polizisten nach 16 Jahren nochmal auf die Erde geschickt, wo er sich in der Begegnung mit Tochter Luise – in leiser Präsenz sehr eindrucksvoll, wie schon als Julie: Henrike Johanna Jörissen – offen als das zeigt, was er immer gewesen ist, ein Verlorener.

Alle sind am Ende dieses psychologisch ausgereiften Abends in ausgelassener Laune. Riesiger Schlussbeifall: Ein Fest fürs Theater!

Quelle: op-online.de

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