Das verlorene Paradies

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Würde und Harmonie in einer vergänglichen Welt sucht die Frankfurter Malerin beispielsweise in Stadtszenerien.

„Ich schaffe mir selber mein Paradies“, bekennt Malerin Christiana Crüger aus der Frankfurter Paradiesgasse, durch HfG-Studium von 1975 bis 1982 und BOK-Mitgliedschaft Offenbach lange verbunden. „Ich muss erlebt haben, was ich male“, ergänzt sie. Diese wohltuende Direktheit zeichnet auch ihre oft großformatigen Acrylgemälde aus. Von Reinhold Gries

Geprägt durch Erfahrungen mit Krankheit und Tod, hat sie sich stärker der sie umgebenden Natur zugewandt und auch die Menschen, die sie auf Reisen trifft, fotografiert und in akribisch gemalte Bilder hineinkomponiert.

In Schilfblätter, Bambus stauden und Birken scheint sie verliebt zu sein. Ohne – mitten im realistischen Malstil – Spielräume für schillernde Farbenspiele auszulassen, die abstrakte Eigendynamik entwickeln. Crügers Blütenbilder, nicht ohne symbolischen Gehalt gesetzt, trumpfen groß auf: Herrlich aufblühende Fingerhutglocken gewinnen durch frisches Kolorit fast exotische Wirkung. Wasser- und Feuerlilien, Akelei, Iris und Lotusblüten bieten ungewöhnlich viel Augenreiz.

Kühler Fotorealismus.

Überbordende Sinnlichkeit ist allerdings durch perfekte, zuweilen fast fotorealistische Malweise und abkühlende Farbkontraste gebändigt. Die malerische Delikatesse steigert sich in groß gefassten Ausschnitten zu tropischen und subtropischen Pflanzen, studiert auf südlichen Lieblingsinseln oder im Frankfurter Palmengarten. Farbenspiele der Papageientulpen und das expressive Aufbrechen der Bananenfrüchte sind an Eleganz und Intensität kaum zu überbieten.

Dann die andere Seite der Kurt-Steinel-Schülerin. Ein auf einer südeuropäischen Insel gestrandeter Afrikaner, „Teguise man“, blickt eher ängstlich. Er fühlt sich nicht der Schönheit kapverdischer Flora zugehörig. Eine Crüger-Freundin mit Sonnenbrille im Haar betreibt „Selbstbespiegelung“ am südlichen Badestrand, ihr Gesicht wirkt verschlossen. Ein „Brasil Girl“ und ein „Chinagirl“ haben gleichrangige physische Präsenz wie die umgebende Flora. Die sympathische Physiognomie von „Ezi“, der Eritreerin, macht da beinahe das dramatische Schicksal ihres Volkes vergessen.

„Christiana Crüger – Bilder von unterwegs“ bis 23. August im Haus der Stadtgeschichte. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch von 14 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 16 Uhr.

Christiana Crüger spürt unbeirrbar innere wie äußere Schönheit auf, überall, auch bei Schrotthändler „Billy“ inmitten des heruntergekommenen Stadtteils East Village oder sogar bei im Schaufenster aufgehängtem Orientfleisch, das beim Betrachter kaum Widerwillen hinterlässt. Von morbidem, aber malerischem Reiz ist das abgewrackte Hafenstillleben „Es Calo Formentera“, ein großartig gezeichnetes Konglomerat aus kaputten Autoreifen, zerrissenen Seilen und durchlöcherten Fischernetzen, in dem nur das Boot „Calamar“ heil bleibt.

Je länger man sich Reisemotive wie „Stone beach“, „Near the Sea“ und die an Hopper erinnernden Stadtszenerie „Hotel“ anschaut, umso klarer wird es. Da ringt jemand mit sensiblen künstlerischen Mitteln um Würde und Harmonie der Kreatur, des Menschen – auch in kaputten Welten. 

Quelle: op-online.de

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