Auf verlorenem Posten

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Schlagabtausch beim Dinner: Sir Philipp (Hans Schöpflin) und Owen Wingrave (Michael Nagy) kreuzen verbal die Klingen.

Frankfurt - Im gleichen Schritt und Tritt für König, Volk und Vaterland – und das seit mehr als 300 Jahren. Nur der jüngste Spross einer hochdekorierten Adelsfamilie macht da nicht mehr mit. Von Klaus Ackermann

Doch „Owen Wingrave“, Benjamin Brittens trauriger Held, ist ein Friedenskämpfer auf verlorenem Posten. Der Londoner Regisseur Walter Sutcliffe hat die ursprüngliche Fernsehoper im Bockenheimer Depot mit vielen optischen Überblendungen als Gesellschaftsdrama inszeniert, das tödlich ausgeht. Glasklar wirkt zudem die vielschichtige wie feinnervige, den inneren Kampf des Helden untermauernde musikalische Anlage, von Opernkapellmeister Yuval Zorn und 15 Solisten des Museumsorchesters traumhaft sicher erstellt. Verdienter Beifall am Ende für alle Akteure, überwiegend dem Frankfurter Opernensemble entstammend, die im eher konventionellen Inszenierungsrahmen individuellen Charakter bezeugen – allen voran Bariton Michael Nagy als Owen Wingrave.

Britten hat mit seiner Friedensoper, die auf einer Erzählung von Henry James basiert und inszenatorisch in deren Entstehungszeit um 1900 belassen wird, während des Vietnamkriegs ein unmissverständliches Zeichen gesetzt. Dieser Wingrave schlägt völlig aus der Art. Beschimpft er doch so blutig erfolgreiche Feldherrn wie Julius Cäsar oder Napoleon als Verbrecher und verweigert sich dem Kriegshandwerk, Domäne der britischen Sippe, die in ihrem verwunschenen Schloss die Erinnerung an ihre Helden pflegt.

Entwicklung gleichsam in Kamera-Ausschnitten

Ihn von seiner Überzeugung zu heilen, das geschieht erst einmal im Disput mit dem Leiter der Militärakademie (Dietrich Volle) und dessen Frau (Barbara Zechmeister), die Verständnis für Owens Weigerung aufbringen; mehr noch als sein Studienfreund Lechmere (Christoph Prégardien), allesamt stimmlich in der Norm einer Kammeroper, die nicht nach Belcantisten verlangt. Doch aus der Diskussion wird Feindseligkeit im düsteren Gemäuer, wo Großvater Sir Philip (Tenor Hans Schöpflin als Gast) den schneidigen Generals-Ton angibt, die resolute Tante (Anja Fidelia Ulrich) ebenso aus allen Wolken fällt wie die auf Versorgung ihrer Tochter Kate (Jenny Carlstedt) bedachte Mrs. Julian (Anna Ryberg). Der Psycho-Knoten wird enger, wenn die geliebte Kate Owen einen Feigling schimpft und dieser als Mutprobe im Spukzimmer nächtigt, den Tod findend – und inneren Frieden.

Regisseur Sutcliffe zeigt diese Entwicklung gleichsam in Kamera-Ausschnitten. Der hölzerne Vorhang – so heftig bewegt wie selten – verengt und erweitert das Bild (Ausstattung Kaspar Glarner) wie die Überblenden und heftigen Schnitte in Brittens Musik, in die schon zur Einleitung, wenn Porträts Gefallener auf die Bühne projiziert werden, Partikel von Totentanz und Trauermarsch, Trompetensignalen und exotischen Klängen verwoben sind.

Noch am 28. und 31. Januar sowie am 3., 4. und 7. Februar.

Es kulminiert beim Dinner, wenn das Wort „Skrupel“ sich in gespenstischen Stimmen überschlägt. Es rührt an, wenn Owen in seiner „Friedensarie“ empfindungsvoll insistiert – Nagy wirkt auch stimmlich unbeirrbar. Und es hat seinen besonderen Akzent, wenn US-Tenor Richard Cox die Ballade vom mysteriösen Tod eines Knaben singt. Oder am Ende Owens Tod entdeckt, die Win graves wie in expressionistischer Pose eingefroren scheinen und der friedvolle Kinderchor ausgeblendet wird. Eine wichtige Oper, zeitlos gültig und zur rechten Zeit aus dem Archivschlaf erweckt: Frankfurt bleibt Zentrum der Britten-Pflege!

Quelle: op-online.de

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