Verrat kostet Lyrikers Leben

Einen 500-Seiten-Roman auf die Bühne zu bringen ist keine leichte Aufgabe. Wenn so viele Fäden mit noch mehr politischer Brisanz und Aktualität zusammenlaufen wie in Orhan Pamuks „Schnee“, kann und muss eine Bühnenfassung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Von Franziska Ehrhardt

Dem Ensemble des Theaters Freiburg ist es im Offenbacher Capitol unter der Regie von Sandra Strunz gelungen, jene Vielzahl von Themen einzufangen, die der mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Autor zur Sprache bringt.

„Schnee“ erzählt die Geschichte eines türkischen Dichters im Frankfurter Exil, welcher in die ostanatolische Stadt Kars reist, um einen Artikel über eine Selbstmord-Serie junger Frauen zu schreiben, die Kopftuchträgerinnen waren. Tagelanger Schneefall schließt den Lyriker Ka (Thomas Mehlhorn) in der Stadt ein. Er trifft seine Jugendliebe, die er heiraten möchte, verliert seine Schreibblockade, verstrickt sich aber in politische Ereignisse: Machenschaften von Islamisten, Geheimdiensten und Putschisten. Schließlich begeht er einen Verrat, der ihn nicht nur seine Liebe, sondern auch das Leben kostet.

Politkrimi, philosophische Betrachtung, Liebesgeschichte

So oszillierte das zweistündige Stück zwischen Politkrimi, philosophischer Betrachtung und Liebesgeschichte – der Kampf in der Türkei zwischen Religion und Staat, zwischen Islamismus und Verwestlichung, die Suche der Menschen nach ihrem persönlichen Glück und nach Liebe. Mit einer schlichten Unterteilung in Gut und Böse, Richtig oder Falsch ist es nicht getan.

Pamuks Akteure sind nie stereotyp, stets voller Feinheiten: Lapislazuli (Frank Albrecht) zum Beispiel, charismatischer Führer einer islamistischen Gruppierung. Oder der Schauspieler Sunay Zaim (Albert Friedl), der die Ideale der Republik verficht. Und die Frauen Ipek (Rebecca Klingenberg) und Kadife (Melanie Lüninghöner), hin- und hergerissen zwischen Tradition und Moderne. Sie haben Prinzipien, aber vor allem Träume und Sehnsüchte; sie kämpfen darum, ihren Platz in der Welt zu finden. Das sei eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt, findet Pamuk.

Wechsel zwischen Dialogen und Erzählpassagen

Schwierig ist es auch, das fein gesponnene, komplexe Personen- und Handlungsgewebe auf der Bühne erlebbar zu machen. Der kunstvolle Wechsel zwischen Dialogen und Erzählpassagen brachte zwar die wunderbare Prosa des Autors zur Geltung, und das Ensemble agierte ausdrucksstark im unaufdringlichen, atmosphärischen Bühnenbild. Die Inszenierung wirkte aber versatzstückhaft und gelegentlich schwer zugänglich.

Im Ergebnis blieb das Schauspiel in der Textfassung von Viola Hasselberg und Sandra Strunz in einer gewissen Distanz zum Zuschauer. „Keiner kann uns aus der Ferne verstehen“, lautete das Resümee der Figuren. Das verfehlt seine Wirkung nicht und lässt zweifeln an nur zu eindeutigen Urteilen der westlichen Welt über die Türkei. Dennoch entstand zuweilen der Eindruck, irgendwie ein kleines Stück zu weit entfernt geblieben zu sein.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Astrid Dehnel / Pixelio

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