Verstörende Bekenntnisse

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Zehn Monologe zum Thema Frauen und Islam hat das Theater Willy Praml nach Texten von Feridun Zaimoglu in der Naxoshalle inszeniert.

Was da an Wut schwelt, an Hass lauert, an Verbohrtheit wuchert oder Widersprüchen tobt, provoziert.  Von Astrid Biesemeier

Da ist die karrierebewusste Jurastudentin, die Bin Laden als Befreier feiert, eine junge Türkin, die über die nörgelnden deutschen Frauen schimpft und ihr Heil in der Hausfrauen- und Mutterrolle sieht, eine Verkrüppelte im Rollstuhl, die Sex mit ihrem Pfleger hatte, oder jene nationalistische Töne spuckende Deutsche, die zum Islam konvertiert ist.

Alle haben sie freiwillig das Kopftuch gewählt. Doch einfache Kategorien wie modernistisch oder traditionell versagen bei den Musliminnen, die aus Feridun Zaimoglus und Günter Senkels zehn Monologen „Schwarze Jungfrauen“ sprechen.

Es sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die unter dem Kopftuch sprechen. Sie wirken keinesfalls wie geduckte, gedemütigte oder schwache Frauen, im Gegenteil: Alles scheint fast beneidenswert fest und überzeugt – auch wenn die Denkgerüste und Argumentationsgebäude manchmal in sich zusammenkrachen würden, klopfte man sie auf Stimmigkeit ab.

Würde, die man schwer aushält

Die sehr überzeugenden Schauspielerinnen (unter anderem Maryam Hayatshahi, Gina Spogmei Wassey, Nicole Mierzwa und Eva Weingärtner) nehmen diese Frauen ernst, verleihen ihnen eine Klarheit, ja sogar Würde, die mancher im Publikum so wenig aushält, dass er zwischen Rolle und Darstellerin nicht mehr unterscheidet und Diskussionen über die manchmal gefährlichen Dummheiten anzetteln will.

Willy Pramls Inszenierung in der Frankfurter Naxoshalle lädt dazu ein, von Monolog zu Monolog zu laufen –  auch wenn man nicht alle schaffen kann. Die Distanz schrumpft mit der räumlichen Nähe, so dass sich mancher Zuschauer geradezu aufgerufen fühlt, seine Gefühle und Gedanken kundzutun – egal, ob es den Monolog stört oder Antworten von Seiten der Darstellerinnen erzwingt.

Mit viel Lichtzauber in den Tod

So überzeugend und dicht der Auftakt in seiner Konzentration auf das Wort wirkt, so langatmig nimmt sich der zweite Teil „Gyges und sein Ring“ von Friedrich Hebbel leider aus. Obwohl Praml viel Lichtzauber aufbietet, um den Weg der Bühnenfiguren in den Tod sinnlich zu gestalten.

In der Tragödie um Rhodope zeigt deren Mann Kandaules seinem Freund Gyges mit einem Trick, wie schön seine Frau ist, wodurch diese, eine Schleierträgerin, sich entehrt fühlt. Birgit Heuser (Rhodope) und Michael Weber (Kandaules) leiden reichlich theatral und untermauern pathetisch mit großen Gesten ihre Worte. Auch hätte mancher sich mehr Direktheit von Claudio Vilardes (Gyges) und ein paar textliche Straffungen gewünscht.

Es ist wohl nicht nur einer gewissen Erschöpfung nach fast vier Stunden Theater zuzuschreiben, dass diese Geschichte um eine ebenfalls kompromisslose, ja tödliche Haltung ruhig aufgenommen wird. Durch das Theatralische, die fast märchenhafte Fiktion und die Distanz der Bühnensituation ist klar, dass alle in Rollen agieren. Auch wenn der Zuschauer sich etwas durch diese Inszenierung quälen muss, wirft sie ein relativierendes Licht auf die zuvor gehörten Monologe und fordert dazu auf, es sich mit Kopftüchern und Ehrbegriffen nicht zu einfach zu machen.

Quelle: op-online.de

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