Verteidigung des Werks gegen den Autor

Frankfurt - Seinen Wehrdienst im Ersten Weltkrieg hat Thomas Mann mit der Waffe des Wortes geleistet. Ergebnis seiner Arbeit von 1915 bis 1918 sind die „Betrachtungen eines Unpolitischen“, eine Art essayistisches Seitenstück zum Jahrhundertroman „Der Zauberberg“ (1924). Von Markus Therharn

Die in vielem reaktionäre Grundhaltung bereitet selbst Mann-Bewunderern bis heute Bauchschmerzen. „Verrufen“ nennt der Mainzer Germanist Hermann Kurzke dieses monumentale Opus, das er in der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“ neu ediert hat. Bei der hervorragend besuchten Präsentation von Text- und Kommentarband im Verlag S. Fischer hält er dennoch mit Recht fest: „Ohne dieses Buch weiß man nicht, wer Thomas Mann wirklich war.“

Kurzke versucht nicht weniger, als die radikale Selbstentblößung des Autors gegen dessen späteres Abrücken davon zu verteidigen. Und er tut dies sehr geschickt, indem er Manns eigene Begriffe für (beziehungsweise gegen) ihn verwendet. Das gipfelt in der so überraschenden wie überzeugenden Erkenntnis, dass auch er ein Zivilisationsliterat gewesen sei – dies war sein Schimpfname für den zeitweise verhassten, verhöhnten Bruder Heinrich.

„Sein Buch zielt auf Freiheit“, nimmt Kurzke das Fazit vorweg und entlarvt den Widerspruch, dass Mann diese eher im Obrigkeitsstaat als in einer Demokratie gewahrt sieht, als nur scheinbaren. Von dankbar belachten Bonmots („Mann hatte bekanntlich eine Neigung zu kurzen Sätzen...“) abgesehen, geriet sein knapp einstündiger Vortrag leider etwas akademisch trocken, war aber geistreich und informativ: Beste Werbung für ein natürlich hochpolitisches Bekenntniswerk!

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © pixelio

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare