Musiker vertonen „Faust“

„Verweile doch! Du bist so schön“

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Tobias Unterberg alias b.deutung

Offenbach - 3D, 4D, 5D – die Filmindustrie lässt nichts aus, um Besucher zahlreich in die Kinopaläste zu locken. Dabei gehören Spezialbrillen längst zum Besuch wie Popcorn und Eis. Von Detlef Kinsler

Trotzdem fasziniert ein echter Klassiker des Genres nach wie vor erklärte Cineasten: der Stummfilm. Auch auf experimentierfreudige Popmusiker übt er einen großen Reiz aus. So komponierte beispielsweise das französische Duo Air zu Georges Méliès’ Sci-Fi-Film „Die Reise zum Mond“ und die Pet Shop Boys tourten mit Sinfonieorchester und ihrer Musik zu „Panzerkreuzer Potemkin“.

Auch im Kino des Deutschen Ledermuseums in Offenbach, gerade in „Lederpalast“ umgetauft, gibt es eine erfolgreiche Reihe, „Stummfilm und Ton“. Da debütierten im Februar 2013 zwei Rock-erprobte Musiker, Tobias Unterberg alias b.deutung (Deine Lakaien, Subway to Sally, Neue Philharmonie Frankfurt) und Richard Pappik (Element of Crime), mit F. W. Murnaus „Nosferatu“ aus dem Jahr 1922 und vertonten die Symphonie des Grauens mit Cello, (präpariertem) Flügel, Schlagzeug und Elektronik. Ein faszinierendes Spektakel. So war es – kaum war der letzte Ton verklungen – schnell beschlossene Sache, dass es eine Fortsetzung mit Murnau geben wird.

Am 10. Januar kommt nun der „Faust“ zur Aufführung. Wieder heißt es in der Werbung Musikalische Begleitung: b.deutung & Richard Pappik. Das ist absolutes Understatement, denn was die beiden Musiker auf die Bühne bringen hat eine eigene Qualität, klingt anders als der Klavierspieler der Pionierzeit, ist neu und innovativ.

Richard Pappik

„Danke für die Blumen, das ehrt uns“, reagiert b.deutung auf das Lob. „Ja, der Anspruch, den wir haben geht in der Tat über eine normale Stummfilmbegleitung, wo man mehr oder minder hinter dem Film herspielt, hinaus. Wir begreifen das eher wie eine Theatermusik, also eine Neuinszenierung.“ Bei der Live-Umsetzung, in der Spontanität und Improvisation für eine besondere Spannung und Lebendigkeit sorgen, sollen Film, Musik und Publikum im Idealfall eine Einheit bilden. „Aber ganz ehrlich. Die Filme gab es lange vor uns und es wird sie noch lange nach uns geben. Wir sind zuständig für den Augenblick, für das kurze Hineinholen des jeweiligen Films in die Gegenwart“, übt sich b.deutung in Bescheidenheit und zitiert Goethe: „Wenn ich zum Augenblicke sage, verweile doch! Du bist so schön...“

Dass b.deutung und Pappik nach der Dracula-Adaption Murnau treu bleiben, hat einen guten Grund. „Murnau ist ein großartiger Vertreter des Expressionismus im Film“, schwärmt b.deutung. „Seine Bildsprache war bahnbrechend, die Bauten, die Stimmungen, die Tricktechnik, die Anleihen an die Romantik, die Liebe zum Detail, die moderne Führung der Figuren, also auch der Schauspieler Emil Jannings, Gösta Ekmann, Camilla Horn – alles das lässt den ,Faust’ wie auch vorher den ,Nosferatu’ nicht alt erscheinen.“

Ein reizvolles Unterfangen also selbst für mit allen Wassern gewaschenen Instrumentalisten. „Ein unglaubliches Abenteuer sogar“, bestärkt der Mann der Tasten und Saiten. „Am Anfang ist da dieser Film und die Fußstapfen erscheinen enorm groß. Dann liest man die Werke noch einmal bei denen sich Murnau bedient hat, denkt das erste Mal über das Scheitern nach, beginnt aber trotzdem eine Dramaturgie zu entwickeln und zu proben.“ Wenn dann bei den Proben ein musikalischer Kosmos Gestalt annimmt, kommt der Glaube zurück, dem Film gerecht werden zu können. „Die Anspannung wird erst am 10. Januar 1.2014 fallen wenn der letzte Ton gespielt ist und das Saallicht angeht. Vielleicht auch erst etwas später“, vermutet der Musiker.

„Faust – Eine deutsche Volkssage“ Freitag 10. Januar, 20 Uhr, Lederpalast – Kino im Ledermuseum, Offenbach

Quelle: op-online.de

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