„La fanciulla del West“

Viel Blei in der Luft

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Western von gestern: Der Fremde (Carlo Ventre) entpuppt sich als Bandit, Wirtin Minnie (Eva-Maria Westbroek) rettet ihn.

Frankfurt - Solch eine Goldgräber-Runde kann es wohl nur in der Oper geben: Raue Gesellen, die dennoch zu tiefen, spontanen Gefühlsäußerungen in der Lage sind. Aus Heimweh, zum Beispiel, im fernen Kalifornien. Von Axel Zibulski

Um 1850, zur Zeit des Goldrauschs, spielt Giacomo Puccinis „La fanciulla del West“, eine der weniger bekannten Opern des Italieners. 55 Jahre ist es her, dass dieses „Mädchen aus dem Goldenen Westen“ in Frankfurt zuletzt auf der Bühne zu sehen war.

Jetzt feierte Christof Loys bereits vor anderthalb Jahren in Stockholm gezeigte Inszenierung des Wildwest-Stücks ihre umjubelte Frankfurt-Premiere. Die Handlung lässt sich kompakt erzählen: Wirtin Minnie betreibt den Saloon „Polka“. Die Goldgräber, die bei ihr neben harten Drinks auch Bibelstunden erhalten, verehren sie. Sheriff Jack Rance blitzt ab, der Fremde Dick Johnson dagegen hat bei ihr Erfolg, entpuppt sich aber bald als gesuchter Bandit Ramerrez. In einer knallharten Pokerrunde luchst Minnie dem Sheriff Dicks Freiheit ab. Überhaupt geht’s reichlich herb zu, im Saloon und in der Partitur mit ihren zahlreichen hinzu komponierten Pistolenschüssen.

Christof Loy siedelt seine Regie klar im Damals des amerikanischen Westens an. Los geht’s wie im Kino: Das kurze, von Sebastian Weigle und dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester knackig-derb gehaltene Orchestervorspiel illustriert einen Film-Vorspann. Wie einst zum staubigen Western kündigen altmodische Lettern die Darsteller an, allen voran Eva-Maria Westbroek, die im Film als Minnie stolz durch die Prärie reitet. Mit Knalleffekt tritt sich leibhaftig auf die Bühne. Westbroek kann sie schnell mit ihrem dunklem, durchschlagenden, fast burschikosen Sopran erobern – nicht immer schön, nicht immer höhensicher klingt das, aber auch nie langweilig.

Nur manchmal darf’s bei Loy ein wenig schmalziger zugehen als bei Sebastian Weigle und dem zuweilen überpräsenten, aber schön farbig erzählenden und kräftig illustrierenden Orchester. Das Kitschige liegt freilich bereits im Stück begründet, das Puccini bei einem New-York-Besuch in Gestalt von David Belascos gleichnamigem Schauspiel kennen lernte. 1910 hatte Puccinis „Mädchen“ dann Premiere an der Metropolitan Opera, mit keinem Geringeren als Enrico Caruso in der Partie des Banditen Dick. Ihm dachte Puccini auch die einzige ausgeprägte Arie seines „Melodramas“ zu, „Ch’ella mi creda“ im letzten der drei Akte. Carlo Ventre, der Frankfurter Dick Johnson, sang sie mit charaktervoll herbem Schmelz, mit der sonorsten, feinsten Stimme dieser Premiere. Ashley Holland als Sheriff Jack Rance ließ es da deutlich gröber und körniger klingen.

Regisseur Loy profiliert neben dem Protagonisten-Trio von Minnie, Dick und Jack die zahlreichen kleineren Partien scharf. Lediglich das zu Dienern degradierte Indianer-Paar von Elisabeth Hornung und Carlos Krause wird von Loy einer fragwürdigen Lächerlichkeit preisgegeben. Hoch professionell führt und dynamisiert er hingegen den stark geforderten Herrenchor sowie die 13 weiteren, kleinen Solo-Partien, die er aufmerksam individualisiert. Ins Ganze fügen sich aktuelle wie ehemalige Frankfurter Ensemble-Kräfte vorzüglich ein, ob Peter Marsh als Kellner Nick oder Simon Bailey, Bálint Szabó und Nathaniel Webster als Goldgräber Sonora, Sid und Happy.

Stereotypie darf manchmal auch sein. Beim Western-Vorspann bleibt es nicht. Immer, wenn die Handlung besonders gewagt wirkt, verdoppeln schwarz-weiße Großaufnahmen der Darsteller die Szene. Das hat etwas vom Stummfilm-Pathos, dem Puccinis Opern-Pathos hier sehr nahe kommt. Zumal es, das sei verraten, so etwas wie ein Happy End gibt. Auch wenn bis dahin viel Blei in der Luft liegt.

  • Nächste Vorstellungen am 16., 19., 24. und 30 Mai sowie am 2., 9., 12. und 15. Juni. Karten unter Tel.: 069 21249494

Quelle: op-online.de

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