Viel Gelichter und Dichter

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William Hogarth, „Gin Lane“

London im 18. Jahrhundert ist voller Säufer, Dirnen, Prahler und Betrüger. William Hogarth (1697-1764) machte das bildwürdig, detailgenau, ohne Zeigefinger. Seine Kupferstich-Sittenbilder und Genrestücke fanden Absatz. Von Reinhold Gries

Hogarth war erfreut, aber nicht darüber, dass man seine Drucke kopierte. Dagegen erwirkte er 1735 das weltweit erste „Copyright“. Schaut man sich seine figurenreichen, satirisch überspitzenden Blätter in Darmstadts Kunsthalle an, kann man’s verstehen. Dar ballt sich das Leben – die „Karriere“ einer Hure („A Harlot’s Progress“) vom Strich zur Trauerfeier; der Weg eines Wüstlings („A Rake’s Progress“) von der Taverne ins Irrenhaus; Szenen einer Ehe („Marriage à la Mode“); Tierquälerei („The four stages of cruelty“) und Menschenauflauf Marke „Gin Lane“. Hinter der Drastik stand der Aufklärungsgedanke.

Der erste Comic-Zeichner karikierte auch Einzeltypen. Ein vom Straßenlärm aufgebrachter Musiker hält sich die Ohren zu, ein „Disstressed Poet“ wirkt nicht amüsiert, ein Gerichtshof gerät zu kopfloser Perückenkollektion, eine Kirche zum Schlafsaal. Dazwischen Wanderschauspieler, Benefizkonzert, Hahnenkampf, Straßenszenen. Es wimmelt wie bei Brueghel. Hogarth war auch Theoretiker. 1753 erschien die bebilderte Schrift „The analysis of beauty“, in Deutschland populär gemacht durch den Ober-Ramstädter Philosophen Georg Christoph Lichtenberg.

„Satiren von William Hogarth / Leo Leonhard, Büchner-Dramen“, Kunsthalle Darmstadt, Steubenplatz. Bis 9. Mai Dienstag bis Freitag 11 bis 18, Samstag/Sonntag 11 bis 17 Uhr.

Dazu hat man mit dem an der Bergstraße wohnenden Maler und Grafiker Leo Leonhard (geboren 1939) ein würdiges Gegenüber gefunden. Dessen mit dem Lichtenberg-Preis gewürdigtes Talent entzündet sich an Hessens Dichtergenie Georg Büchner. Leonhard beherrscht altmeisterlichen Duktus, übt sich indes in der Kunst des Weglassens. Das verstärkt die Wirkung der Erzählung um den wahnsinnigen Dichter Lenz, den Mummenschanz des Lustspiels „Leonce und Lena“. Mit oder ohne Guillotine geht Leonhard in „Dantons Tod“ oder in „Woyzeck“ zur Sache. Stark ist die Sequenz zur Kampfschrift „Der Hessische Landbote“, in Offenbach gedruckt: Der Professor zeigt den Großherzog auf den Schultern armer Bauern. Passende Zitate spart Leonhard nicht aus. Ähnlichkeiten zu heute hat der Vertreter der Leipziger Schule beabsichtigt.

Quelle: op-online.de

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