Viel wundervolles Gaga

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Knallbunt kostümierte Piraten bevölkern die Bühne, grotesk überzeichnete Witzfiguren in einer Satire auf den Kunstbetrieb.

Frankfurt - Eine Show. Knallbunt und trashig. Derart überdreht und witzig wie in dieser „Arbeit“, wie William Forsythe seine Hervorbringungen seit längerem neutral deklariert, hat man den Choreografen schon seit langem nicht mehr erlebt. Von Stefan Michalzik

Komik und Klamauk hatten freilich schon immer ihren Platz im stilistisch zerklüfteten Werk des einstigen Frankfurter Ballettchefs. Ein früher Beleg dafür ist das Musical „Isabelle’s Dance“ von 1986, einer seiner Klassiker.

Den Termin der späten Frankfurter Premiere seines schon vor gut zwei Jahren im Dresdener Festspielhaus Hellerau uraufgeführten Stücks „The Returns“ hatte William Forsythe ganz bestimmt nicht zufällig auf den 11. November gelegt. Irgendwann taucht zwar mal ein „Zivilist“, ein älterer Herr in Karohemd und Jeans auf der Bühne auf. Er spielt ein wenig Pingpong mit einem jungen Tänzer – und wirkt ob seiner gewöhnlichen Erscheinung inmitten der merkwürdigen Gestalten schreiend komisch: Was hat dieser Mann hier verloren?

Bockenheimer Depot: Hundert Zuschauer

Gerade mal um die hundert Zuschauer fasst der schwebend gedeckelte weiße Atelierraum, den William Forsythe in die Mitte des Bockenheimer Depots hat setzen lassen. Die japanische Tänzerin Yoko Ando setzt als Maniküre mit einem grellroten aufgeklebten Mund und zentimeterlangen Fingernägeln zu silbenspielerisch gereimten Improvisationen um das Wort Art – Kunst – an: „Art Department Apartment“. Die „Nagelkuratorin“ verwendet Tischtennisschläger als Märchenspiegel, andere Tänzer stecken sich Bälle in die Backen, sprechen und singen damit und lassen sie hernach im hohen Bogen durch die Luft fliegen. Ihre Stimmen werden elektronisch auf Donald-Duck-Höhe oder in einen schleppenden Brummbass getrieben.

Aus einem weit in die Tiefe reichenden dunklen Fantasieraum taucht ein Völkchen knallbunt kostümierter Piraten auf. Grotesk überzeichnete Witzfiguren, von Maske und Kostümabteilung in der gleichen Weise mutiert, wie auf den vielen lebensgroßen Computerdrucken, mit denen die Wände zugepflastert sind. In einer der hinteren Ecken spuckt ein Nadeldrucker englischsprachige Spruchbänder von mehr oder weniger kryptischem Gehalt aus. „Tot sein, bevor die eigentliche Geschichte beginnt.“

Wenige Momente des Innehaltens

Es gibt nur wenige Momente des Innehaltens in diesem von abstrakten Technobeats – die Musik von von David Kern, Dietrich Krüger und Sebastian Rietz klingt wie ein Soundalike von Forsythes’ langjährigem Hauskomponisten Thom Willems – angetriebenen Tohuwabohu. Das Piratenvölkchen tanzt im Halbdunkel eines tiefen Raums im bekannten Forsythe-Stil, samt kurzen Pas de deux.

Das Thema – geschenkt. Eine Satire auf die Eitelkeiten des Kunstbetriebs, dafür braucht es nicht unbedingt einen William Forsythe. Recht hat man damit natürlich allemal, und Forsythe – dessen Name neben jenen von Hugo Ball, Joseph Beuys und Yoko Ono fällt – weiß genau darum, dass er und seine Company als beständiger Hype im Sinne dessen gelten, was er da karikiert. Man kann sich einfach zurücklehnen und an dieser lustigen Bizarrerie erfreuen, die irgendwo zwischen Gertrude Stein, Dada – und vor allem ganz viel wunderbarem Gaga – irrlichtert. Eine Linie hat das natürlich schon. Auch in der Komik bleibt Forsythe ein Dekonstruktivist.

Weitere Aufführungen heute sowie vom 17. bis 21. November jeweils um 20 Uhr im Bockenheimer Depot. Karten unter Tel.: 069 21249494.

Quelle: op-online.de

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