Virtuose Poetin des Übersinnlichen

„Himmlische Wunder“ von Nora Orioli.

Die in Venedig aufgewachsene und danach in Rom wirkende Malerin Nora Orioli ist eine ungewöhnliche Erscheinung im nervösen zeitgenössischen Kunstbetrieb. Die große alte Dame der italienischen Moderne lässt sich wie ihren poetischen Bildideen Zeit zum Heranreifen. Von Reinhold Gries

Beim Betrachten fast ungreifbarer Landschafts- und Figurenpanoramen wie „Himmlische Wunder“ (1988), „Der Zauberwald“ (1991) oder „Das Heiligtum der Venus“ (1995) taucht man in fremde Welten ein. Man glaubt eher zu träumen als zu sehen.

In der Tiefe entdeckt man dann verborgene, oft längst untergegangene Geschichte(n) und Mythen, die Orioli in monatelanger Lasurtechnik organisch aufbaut. Diese erschließen sich keineswegs leicht; man muss sich Zeit nehmen, um die figurativen Sujets inmitten des malerischen Märchenwaldes zu enträtseln.

„Nora Orioli – Poesia dipinta“ bis 14. Juni im Rosenheim-Museum Offenbach. Geöffnet: Mittwoch bis Freitag von 14 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr.

Die Heilige Familie und die drei Könige in „Die vier Jahreszeiten“ (1989) wirken nicht wie ein Weihnachtsbild, da die Figuren mit bukolisch gemalter Natur zur Einheit verwoben sind. Die Farbigkeit erinnert an Fresken der italienischen Frührenaissance, die Farbmusik wirkt wie eine duftige Nachempfindung der gleichnamigen Vivaldi-Komposition. Um die große Tradition ihres Heimatlandes geht es Orioli in einer Hommage an ihre Lebensstationen. Ihre istrische Geburtsstadt Pula ist genauso zu identifizieren wie Schiffe aus La Spezia, der Bootsanleger von Venedig und die römische Wölfin vor dem Colosseum.

Nicht nur in stark abstrahierten Landschaftsbildern wie „Il relitto“, „Geliebte Steine“ und „Der Traum des Eremiten“ fließt alles zusammen: Gegenwart und Vergangenheit, Hintergrund- und Vordergrund, Sinnliches und Übersinnliches. Eine Bildwelt ohne Zeit und Raum.

Man entdeckt jedoch auch Konkreteres. In „Erdbeben“ (1997) hat Orioli die Katastrophe von Assisi festgehalten, aber nicht dokumentiert. In „Addio Venezia“ (2003) glaubt man die Luft und Atmosphäre der Lagunenstadt zu schmecken. Ölbilder wie „Der brennende Dornbusch“ oder „Tagundnachtgleiche“ drängen ihre Botschaften nicht auf. Die Traumlandschaft des Panoramas „Götter im Exil“ (1984) ist in wundervoller Sfumato-Technik in Szene gesetzt, ohne dass man daraus ganz schlau wird. Oriolis Auskosten von Stimmung und Kolorit ist einzigartig. Die reine Malerei.

Voller Geheimnis stecken lavierte Tuschezeichnungen, die das Fragmentarische ihres Vorgehens noch deutlicher machen. In „Der Naturalist“ (1977), „Der Lautenspieler“ (1987) und „Der Zirkus“ (1985) offenbart sie überragende Zeichentechnik. Meisterhaft meditierte Temperamalereien wie „Der Byzantinische Traum“ (1977), „Nescello“ (1978) oder der „Poet“ (1977) sind in keine Kunst-Schublade zu stecken.

Quelle: op-online.de

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