Vision einer Kunsthalle

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Ingrid Schubert, „Im Vorortzug“, Öl, 2005

„Den Bedarf für eine Kunsthalle erleben wir im täglichen Betrieb“, sagt Dr. Jürgen Eichenauer, Leiter des Offenbacher Hauses der Stadtgeschichte. Und Dr. Ralph Philipp Ziegler, Leiter des Forums Kultur und Sport, redet von einer künftigen Kunsthalle, die auch OB und Kulturdezernent Horst Schneider öffentlich angesprochen hat. Bestätigung oder Zeitplan sind derzeit nicht zu erhalten. Von Reinhold Gries

Aber seit einigen Monaten hat die Stadt den Kunsthistoriker Dr. Marcus Frings als Kurator beauftragt, Konzepte auszuarbeiten. Mit Eichenauer befasst er sich intensiv mit Planungen zur Abteilung „Klassische Moderne in Offenbach“ im Bernardbau.

In umgebaute Räume der Bildstelle soll dieses Jahr die 2009 gekommene Sammlung zu Offenbachs spätkubistisch-abstraktem Maler Erich Martin einziehen. Daneben entstehen Schau- und Depoträume für die grafische Abteilung und die Künstlerkolonie Bachstraße. Aber Offenbachs Klassische Moderne hat mehr zu bieten. Überblickt man die Bestände samt keineswegs ausgewerteter Senefelder-Sammlung, ergibt sich – wie bei der Durchsicht der Klingspor-Exponate zur „Offenbacher Schule“ um Rudolf Koch – ein klares Bild: Die HfG-Stadt ist überregional bedeutender Standort moderner Kunst.

Bildhauer Ottomar Gassenmeyer wird 80 Jahre alt

Im Fokus stehen mögliche Dauerleihgaben, Stiftungen oder Schenkungen bedeutender Offenbacher Künstler. Rund um Martin, legitimer Nachfolger Paul Klees und des „Blauen Reiters“, ist ähnlich Hochkarätiges denkbar. In Bürgel wohnt seit fast 55 Jahren Karl Schmidt-Rottluffs Meisterschüler, der 87-jährige Karl-Heinz Steib, seit den 50er Jahren mit internationalen Erfolgen und Preisen für seine Malerei und Grafik aufwartend. Hoch einzuschätzen auch seine Frau Ingrid Schubert, die sich mit figurativer Malerei einen Namen gemacht hat. Zum 80. Geburtstag bekam Schubert in der „Industriehalle“ eine große Retrospektive; Steibs Lebenswerk will Eichenauer 2011 größer ausstellen.

80 Jahre alt wird auch Bildhauer Ottomar Gassenmeyer aus Tempelsee, von Bund und Land geförderter Schüler des Expressionisten Reinhold Ewald und des Städel-Professors Hans Mettel. Wer seine Werkstatt betritt, erkennt seine Bedeutung als Zeichner.

Klemischs versuchen, mit der Stadt ins Gespräch zu kommen

Ähnlich ins Abseits geraten sind zwei bedeutende Offenbacher Kunsthandwerker, die Brüder Karl-Heinz und Willy Klemisch, die nicht nur in Kirchen Spuren hinterlassen haben. Der Nachlass der Verstorbenen, den Rudolf Klemisch und andere Nachfahren bewahren, stünde einer Sammlung der Moderne gut zu Gesicht. Die Klemischs versuchen seit Jahren, mit der Stadt ins Gespräch zu kommen.

Rudolf Koch, Handschrift Matthäus-Evangelium, koloriert

Bauhaus-Nachfolger Rolf Kissel hat nicht nur durch sein Atelier enge Beziehungen zu Offenbach. Der mit 80 Jahren ungebrochen Schaffende ist einer der führenden Konstruktivisten Deutschlands. Deshalb wollen ihn Eichenauer und Frings per Sonderschau vorstellen. Wenn möglich zur Eröffnung der neuen Kunsthalle, die vom bis dahin überdachten Innenhof des Bernardbaus ihren Reiz beziehen könnte. Bis zur konkreten Realisierung dieser Vision hoffen sie, Werke aus dem Nachlass des ehemaligen HfG-Professors Kurt Steinel hinzuzugewinnen.

In einer „Abteilung Klassische Moderne“ beziehungsweise einer Kunsthalle böten sich spannende Dialoge zwischen Klassikern und junger Kunstszene an – nicht nur zu den „Kunstansichten“. Intensive Kooperation zwischen Haus der Stadtgeschichte und Klingspormuseum könnte überraschende Ergebnisse erbringen. Zumal im städtischen Depot im Bernardbau nie gezeigte Teppiche aus Offenbacher Werkstätten um Rudolf Koch liegen.

Ohne Sympathie von Stadtparlaments und Sponsoren wird das kaum zu bewerkstelligen sein. Ein möglicher Förderer sitzt in Frankfurt, hat sich jedoch auch für regionale Kunst engagiert. Richtig gefragt hat man ihn noch nicht.

Quelle: op-online.de

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