Ein Volksbuch dem Volk zurückgegeben

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Dichter Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen

In Gelnhausen hat man den roten Teppich ausgerollt. Die Kleinstadt im Kinzigtal, eine halbe Autostunde von Offenbach entfernt, feiert eine „Taufe“ der besonderen Art. Von Carsten Müller

Wo Schule, Apotheke und Buchhandlung nach dem berühmten Sohn der Stadt, Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, Schöpfer des Simplicius Simplicissimus, benannt sind, ist die Präsentation der Neuübersetzung des Barockromans das Ereignis des Jahres, zumal am 333. Todestag des Autors.

Wegen des Andrangs musste die vom Eichborn-Verlag organisierte Buchtaufe gar vom Romanischen Haus in das Landratsamt verlegt werden, nur einen Steinwurf vom mutmaßlichen Geburtshaus des Dichters entfernt, das heutige Grimmelshausen-Hotel. Die wandhohen Fenster des Sitzungssaals zeigen in weitem Panorama eine von bewaldeten Hügeln flankierte Spessart-Landschaft. Selbige ließ Grimmelshausen seinen Helden durchwandern, bevor er an den Toren der zerstörten Heimatstadt anlangte, nur noch Kulisse einer grausigen Inszenierung des Dreißigjährigen Kriegs.

Obwohl Pflichtlektüre vieler Pennäler, hat sich der Roman den Ruf erworben, nur schwer lesbar zu sein. Viele mehr oder minder qualifizierte Übertragungen entstellten das grausame, aber sinnenfrohe Sittenbild des 17. Jahrhunderts, bis hin zum „entschärften“ Jugendbuch. Entsprechend überschwänglich wurde die brillante Rückgewinnung des wie eine Enzyklopädie seiner Zeit ausgebreiteten Schelmenromans gelobt, initiiert von Literaturwissenschaftler Heiner Boehn cke, getragen von der Stadt sowie der Kulturstiftung Hessischer Sparkassen.

Ein Register schafft Klarheit im Begriff

Von solcher Begeisterung angesteckt war Reinhard Kaiser, als Übersetzer englischsprachiger Literatur renommiert, der sich auf die autoritative Ausgabe stützte und das Grimmsche Wörterbuch sowie eine „erstaunlich kundige“ Übertragung ins Englische von 1996 zu Rate zog, um Bedeutungsverschiebungen ermitteln und Sinnzusammenhänge vergleichen zu können. Ein Register schafft Klarheit im Begriff, und wo philologische Unklarheiten herrschten, half ein imaginäres Zwiegespräch zwischen Autor und Übersetzer aus, das Boehncke und Kaiser mit verteilten Rollen lasen.

Kaiser gab Passagen zum Besten, las von Simplicius’ Alphabetisierung beim Einsiedel, von der unfreundlichen Aufnahme in Hanau, ergänzte dies mit amüsanten Einlassungen zur ersten Robinsonade der Literaturgeschichte sowie der mit heißer Nadel gestrickten „Continuatio“.

Wer nicht lesen will, sollte hören: Der Hessische Rundfunk strahlt die Neuübertragung als Lesung ab 31. August jeweils um 9.30 beziehungsweise 14.30 Uhr auf hr2 aus.

Untermalt vom musikalischen Zeitkolorit des Ensemble Phoenix Munich, das englische, italienische und deutsche Lieder aus Renaissance und Frühbarock spielte, wurde „ein Volksbuch dem Volk zurückgeben“, wie es Eichborn-Herausgeber Michael Naumann und Klaus Harp precht in ihrer Grußbotschaft formulierten.

Quelle: op-online.de

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