Volkstheater gibt Abschiedsvorstellung

Letzter Vorhang für Institution

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Eröffnungsvorstellung von „Der alte Bürgerkapitän“ mit Volkstheater-Gründerin Liesel Christ 1971 im Volksbildungsheim

Frankfurt - Wenn morgen Abend die letzte Aufführung von Jerry Hermans „La Cage aux Folles“ im Frankfurter Volkstheater über die Bühne geht, endet ein Stück regionaler Theatergeschichte. Von Carsten Müller

„Ein Theater, wie wir es in 42 Jahren gemacht haben, wird es in Frankfurt nicht mehr geben.“ Höhen und Tiefen hat das Frankfurter Volkstheater erlebt, Erfolge gefeiert und Rückschläge verdaut, künstlerisch wie finanziell. Wehmut schwingt mit, wenn Intendantin Gisela Dahlem-Christ zurückblickt. Kurz vor dem allerletzten Vorhang im Großen Hirschgraben, wo die Mundart-Institution mehr als drei Jahrzehnte residierte, fällt es schwer, Gefühle und Stimmungen zu beschreiben. „Es tut uns wahnsinnig leid, aber wir mussten diese Entscheidung treffen, weil Planungssicherheit fehlte.“

Gisela Dahlem-Christ, Liesel Christ und Bärbel Christ-Heß

Die Spielstätte dem Abriss geweiht, Ausweichquartiere ungeeignet, ein Neubau nicht in Sicht. Und auch die vom Volkstheater angeregte gemeinsame Spielstätte mit der „Fliegenden Volksbühne“ scheiterte am Veto Michael Quasts, der 2009 die künstlerische Leitung des Volkstheaters übernehmen sollte, sich aber mit den Leiterinnen Gisela Dahlem-Christ und Bärbel Christ-Heß überwarf. Ausgerechnet Quast ist neuer Hausherr im Cantate-Saal, denn die Stadt hat auch den Theater-Neubau für seine „Fliegende Volksbühne“ in Sachsenhausen aus Kostengründen zu den Akten gelegt.

Jetzt ist der größte anzunehmende kulturpolitische Unfall eingetreten, Frankfurt steht ohne feste Mundart-Spielstätte da. Im Cantate-Saal, der eigentlich dem neu zu errichtenden Romantikmuseum weichen sollte – für das aber ebenfalls städtisches Geld fehlt – , darf zwar weiter gespielt werden. Wie lange noch, ist ungewiss.

Thomas Bäppler und Wolff von Lindenau im wiederaufgenommenen „La Cage aux Folles – Ein Käfig voller Narren“.

Einige Gastspiele will dort der neue Verein „Volkstheater Hessen“ bestreiten. „Wir arbeiten seit zwanzig Jahren alle zusammen in diesem Theater, und wir wollen das gut funktionierende Team nicht auseinander fallen lassen“, begründete Schauspieler Steffen Wilhelm gegenüber dem Hessischen Rundfunk die Initiative der Volkstheater-Mitarbeiter. An Fürsprechern fehlt es nicht: Fernseh-Börsianer Frank Lehmann, Publizist Helmut Markwort, Moderatorin Sonya Kraus, die Schauspieler Margit Sponheimer und Ralf Bauer sowie Comedian Robert Treutel (Bodo Bach) unterstützen den Verein.

„Anatevka“ mit Tony Marshall und der noch unbekannten Helene Fischer 2005 auf der Freilichtbühne im Dominikanerkloster

Vorsitzender Hauke Hummel kündigt für Oktober die Aufführung eines Zwei-Personen-Stücks an sieben Tagen im Cantate-Saal an. „Als Gäste von Herrn Quast zu spielen ist mit sehr viel Wehmut verbunden. Wir sehen es aber auch als Chance.“ Man werde zunächst kleinere Projekte angehen, die Suche nach Sponsoren intensivieren. Und wie in den Anfangstagen will man Bürgerhäuser bespielen. „Wir bringen das Theater zu den Menschen.“ Gerade die Frankfurter Mundartinszenierungen hätten Menschen zum Theaterbesuch animiert, die nicht zur typischen Zielgruppe zählen.

Gisela Dahlem-Christ verfolgt das mit Wohlwollen. Sie selbst sah für die zuletzt mit jährlich 620.000 Euro von der Stadt geförderte, aber dennoch klamme Bühne keine Perspektive – nach vier Jahrzehnten, die zur Identitätsbildung zwischen Apfelweinkneipe und Bankenturm beitrugen, mit liebevoll übertragenen Werken von Kleist, Goldoni, Goethe und Brecht, mit Weihnachtsstücken für Groß und Klein, Freilichtaufführungen im Dominikanerkloster oder dem fernsehnotorischen Silvester-Klassiker „Dinner for One“.

Regisseur und künstlerischer Leiter Wolfgang Kaus

Freunde des Volkstheaters werden schmerzlich vermissen, was für Theatergründerin Liesel Christ Herzenswunsch war, der 1971 Wirklichkeit wurde. Die aus Funk und Fernsehen bekannte Schauspielerin („Die Familie Hesselbach“) wollte ein „uneingeschränkt literarisches Volkstheater ohne Klamauk“ auf die Bühne bringen. 1972 fand man im Haus der Jugend eine erste feste Spielstätte, zwei Jahre später übernahm Regisseur Wolfgang Kaus die künstlerische Leitung, der das 1975 in den Cantate-Saal übergesiedelte Theater mit seinen Inszenierungen und Spielplänen bis 2007 prägen sollte. Seit den Anfängen zählte man 3,6 Millionen Besucher in 10 760 Vorstellungen der rund 260 Produktionen ernsthafter, aber unterhaltsamer Bühnenkunst – ganz im Sinne der 1996 verstorbenen Liesel Christ.

Vor ihren Töchtern liegen nun schwere Stunden. Der Nachlass ist geregelt, das Archiv dem Institut für Stadtgeschichte übergeben. Kostüme und Requisiten wurden anderen Bühnen überlassen. „Der Vorhang wird ein letztes Mal zugehen“, sagt Gisela Dahlem-Christ, „nach Feiern steht uns nicht der Sinn.“ Am Ende wahrt sie professionelle Distanz: „Dann kommt der Auszug, und ich werde zu funktionieren versuchen. Wie es sich gehört.“

Quelle: op-online.de

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