Vollbeschäftigung in Kunstfabrik

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Werkstätten und Ateliers in der Mato unter einem Dach

Die Art-Deco-Pfeiler der Maschinen- und Metallwarenfabrik Mato an der Bieberer Straße künden von ertragreicher Offenbacher Produktion. Das hat sich geändert, die Mato-Fabrik, seit 1994 Heimstatt der Künstler, hat Patina angesetzt. Von Reinhold Gries

Der eine ist vom Industriecharme fasziniert, den anderen stört der bröckelnde Putz. Aber nicht nur im „Kunst Raum Mato“ ist von Dornröschenschlaf keine Spur. In den Ateliers herrscht Vollbeschäftigung – trotz vorliegender Abrissgenehmigung.

Auch Sprecherin Eva Moll, unterwegs zwischen Ateliers in Brooklyn und Offenbach sowie mit einjährigem Mato-Mietvertrag ausgestattet, fühlt sich in solchem Umfeld wohl: „Wir haben uns gut weiterentwickelt, in bezahlbaren Räumen, die einem viel Freiheit lassen, Kommunikation erleichtern und Möglichkeiten zum Nachdenken und Ausprobieren schaffen. Man kommt zur Ruhe. Unser basisdemokratisch organisierter Verein braucht keine schicke Adresse, wir müssen uns weder interessant machen noch einer Geschäftsidee unterordnen“. Leben kann sie aber schon von dem, was sie produziert, organisiert und kommuniziert.

Wenn sie von „Entscheidungsprozessen“ und „Sich-neu-Erfinden“ spricht, sieht man Joseph Beuys’ „soziale Plastik“ vor sich, nach der Kunst nicht mehr sich selbst genügt, sondern als soziale Kraft verändernd in Gesellschaft wirkt. Aber Moll will zu den „Offenen Ateliers 2010“ am Wochenende auch Augenreiz bieten. Werkstatt und poppig-urbane Malereien auf dem Flur künden davon.

„Kunst Raum Mato – Offene Ateliers“, Offenbach, Bieberer Straße 215-17. Geöffnet: Samstag, 13. November, 15 bis 20 Uhr, Sonntag, 14. November, 13 bis 18 Uhr

Ihr Nachbar Jos Diegel, der sich ein großes Atelier mit Mato-Pionier Ralph Zoller teilt, hat 2010 an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) das Diplom gemacht. In pastosen Malereien mit fast eingravierten schriftlichen Zitaten und hintergründigen Wort- und Satzketten setzt er sich kritisch mit Politik und Trends auseinander. Das von Mato-Künstlerinnen gestiftete „Schrankstipendium“ hat er erhalten, dem Mato-Verein zur Förderung zeitgenössischer künstlerischer Projekte gehört er aber (noch) nicht an. Doch sein lokales Detailinteresse ist auffällig, es reicht von Offenbachs Fechtidol Helene Mayer über städtisch geförderte „Kreativszene“ bis zu von ihm kritisierter HfG-Verlagerung an den Hafen.

Nicht nur malerisch bezieht Diegel Position: „Als Künstler kann man sich heute nicht in den Elfenbeinturm flüchten. Es geht auch um ästhetische Gestaltung des Politischen, das bedarf dauernder Andockstellen an Gesellschaft und Stadtentwicklung.“ Ein Vorbild sieht es im unbequemen Universalkünstler Christoph Schlingensief, fordert aber auch „handwerkliche Nachvollziehbarkeit“.

Gespräche mehr erwünscht als neuer Investor

Katja M. Schneider sieht ihre Mato-Situation so: „Der Atelier alltag mit kleineren Zwischenarbeiten, das ist für mich die beste Zeit, wenn Neues zuerst einmal im Kopf wachsen darf.“ Sie freut sich auf „Offene Ateliers“, um „Einblick in diese Phase zu geben, in der auch Unfertiges sein darf und in der die Möglichkeit besteht, mit Besuchern anders ins Gespräch zu kommen“.

Solche Gespräche sind viel mehr erwünscht als ein neuer Investor fürs Mato-Areal. Da könnte es vorbei sein mit Robert Mondanis Architekturformen aus Erde und Asche, Karin Timmerbergs Figurenwelten, Gabriele Franz’ Marmorplastiken sowie Verena Lettmayers Lena-Ikone und Kraftwerkbild. Noch kann bei Mato, das zeigen auch Charlotte Malcolm-Smiths, Ruth Luxenhofers und Katja M. Schneiders professionelle Arbeiten, jeder nach seiner Façon selig werden.

Quelle: op-online.de

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