Vorabend der großen Krise

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Belesen: Maria Gessler als Rosalinde

Darmstadt - Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise, am 23. Dezember 1929, spielt diese „Fledermaus“ von Johann Strauß. So verrät es eine Projektion auf den Bühnenrahmen im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt. Dazu gibt im Orchestergraben das Orchester des Staatstheaters Darmstadt die Ouvertüre als mitreißende Initialzündung. Von Axel Zibulski

Mit Wiener-Walzer-Charme, Schwung, aber auch opernscharfer Tiefenfärbung trumpft Kapellmeister Konrad Beikircher auf – größter Pluspunkt dieser Darmstädter Premiere, die nach Giuseppe Verdis „Aida“ zum zweiten Mal in kurzer Zeit eine vom Chemnitzer Theater übernommene Produktion bietet.

In gebrochener Opulenz zeigen sich bald die Bühnenbilder von Dieter Richter in der Inszenierung von Ansgar Weigner: Grünlich schimmert es im morbiden Ballsaal des zweiten Akts, wo Elisabeth Hornung alias Prinz Orlofsky ein kurzes Loblied auf die Sowjetunion anstimmt. Ansonsten ist der Sachsen-Import auf südhessische Linie gebracht, ein „Cousin aus Darmstadt“ ruft im ersten Akt an, und der angetrunkene Gefängniswärter Frosch von Schauspieler Jean-Michel Räber outet sich im dritten Akt als Griesheimer. Überhaupt scheint der „Feuerstrom der Reben“ vor allem als Narkotikum in Endzeit-Atmosphäre zu wirken. Über allem verbreiten Bilder von Otto Dix beklemmende Stimmung.

Zottelige Operetten-Gags

Im ersten Akt parliert man mit Längen und nicht frei von zotteligen Operetten-Gags. Die soubrettenhafte Adele von Rose Marie Koenn ist eine aufgekratzte, leicht hysterische Erscheinung. Maria Gessler als Rosalinde, vor allem aber der Eisenstein von Tenor Norbert Schmittberg geben der Aufführung ein vokal stabiles Fundament: Schmittberg hat die größten Reserven für einen leichten, aber nie seichten Operettentonfall, Thomas Mehnerts Frank und der Alfred von Mark Adler ergänzen eine weitgehend geschlossen solide Ensembleleistung.

Vom Darmstädter Premieren-Publikum werden die zahlreichen Gags durchaus amüsiert aufgenommen, auch wenn am Ende das Regie-Team einige Buh-Rufe einstecken muss. Das vielleicht auch, weil der Ansatz, diese „Fledermaus“ als Weltwirtschaftskrisenstück zu zeigen, letztlich nicht konsequent durchgeführt wird. Mal schwappen Schlager-Melodien in die Szenerie, mal sitzt ein Obdachloser auf der Bühne. Dann wieder Slapstick – letztlich bleibt diese Neuinszenierung unentschieden zwischen Doppelbödigkeit und beiläufigem Amüsement. AXEL ZIBULSKI

Nächste Vorstellungen am 19. November sowie am 3., 16. und 31. Dezember.

Quelle: op-online.de

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