Wahl zwischen Möglichkeiten

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Mit Mitte 20 das Leben hinter sich? Peter Volksdorf, Cyril Sjöström, Sigrid Dispert und Denise Matthey (von links) agieren in Juliane Kanns Stück.

Sie sind angezogen, als wären sie Gäste bei einer Hochzeit. Die Damen tragen helle Kleider und Röcke, die Männer Dunkel. Von Astrid Biesemeier

Und die sich wie eine Pyramide auftürmende Bühne, die auf schmalen Zwischenetagen etwas Platz für Begegnung lässt, erinnert an eine Hochzeitstorte, auf der sich die Schauspieler ausnehmen wie die Püppchen, die diese Torten manchmal zieren (Bühne und Kostüme: Claudia Kalinski). Doch die Hochzeit, die am Ende tatsächlich stattfindet, ist alles andere als ein fröhliches Fest. Alle blicken traurig drein, als steckten sie in der ultimativen Sackgasse, als wäre das Leben endgültig vorbei und der einzige Glanz, den ihr junges Dasein hat, der Glitter, den sie mutlos und wie gezwungen in die Luft werfen.

Dabei sind die Figuren aus Juliane Kanns in den Kammerspielen am Schauspiel Frankfurt uraufgeführtes Stück „Bleib mein schlagendes Herz“ gerade Mitte 20; ein Alter, in dem Menschen alles vor sich haben können. Doch nicht in Zeiten, in denen scheinbare Freiheiten und Möglichkeiten zur Verpflichtung werden, Persönlichkeit und Dasein zwischen zahlreichen beruflichen wie privaten Möglichkeiten zu optimieren. Julischka (Rebekka Aue) schlägt sich durch als Prostituierte. Larissa findet: „Mein Leben muss endlich mal anfangen.“ Sie ist seit zwei Jahren allein und würde das gern beenden. Wenn sie auch nicht weiß wie, so weiß sie eins ganz sicher: „Ich will auf gar keinen Fall jemanden haben, den ich erziehen muss.“ Das stärkste Gefühl, das Tilman (Daniel Kozian) je hatte, war Hunger, nicht Liebe. Behauptet zumindest der Sänger, der auch Liebesschnulzen trällert.

Weitere Vorstellungen: 19., 21., 31. März, 9., 16., 24. April

In kurzen Szenen lässt Kann schlaglichtartig Momente aus dem Leben dieser Mittzwanziger aufblitzen. Regisseurin Daniela Löffner gibt diesen Gesprächen szenisches Fleisch, wobei manches etwas schrill daherkommt. Mit Studenten der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (für die Kann das Stück im Auftrag des Schauspiels geschrieben hat) zeigt Löffner überzeugend, dass unter der zur Schau gestellten Rauheit dieser emotional Obdachlosen durchaus Sehnsucht liegt – beispielsweise bei Aues Julischka, die Abgeklärtheit zur Schau stellt, wie sie Tiermasken trägt.

Zum Generationenporträt, gar zur Generationendiagnose werden diese kurzen Nahaufnahmen jedoch nicht. Die Dialoge vermitteln eher das Gefühl, Sätze zu hören, die man anderen beim Handytelefonat ablauscht. Dass es die krebskranke Lucy (Luise Audersch) oder die Serbin Danka (Liza Jakob) gibt, wirkt, als solle zwischen die Selbstgespräche dieser Generation etwas Dringlichkeit gebracht werden.

Quelle: op-online.de

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