Wahnsinn mit Einlege-Arie

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Alexandra Lubchansky als Lucia.

Darmstadt - „Lucia di Lammermoor“ ist mehr als die Oper um eine populäre Wahnsinnsszene. Davon schien der junge Regisseur Lothar Krause überzeugt zu sein, als er nach Giuseppe Verdis „Nabucco“ seine zweite Inszenierung am Staatstheater Darmstadt erarbeitete. Von Axel Zibulski

Er zeigt Gaetano Donizettis 1835 in Neapel uraufgeführte „Lucia“ nicht nur ungekürzt, sondern hat den dritten Akt sogar um eine Einlege-Arie ergänzt. Szenisch herrscht bei Krause Konvention. Lucia, Tochter des schottischen Adelshauses Ashton, liebt Edgardo, Sohn der verfeindeten Familie Ravenswood. Heiraten muss Lucia einen anderen, den sie ermordet. Sie wird wahnsinnig, Edgardo begeht Selbstmord.

Nächste Vorstellungen am 11., 19. und 25. November sowie am 1., 3., 18. und 30. Dezember

Krause versucht gar nicht, die Oper anders als über ihre Ausstattung zu definieren: Ein zentrales Bett als Regie-Dauerbrenner, Nebel fürs Atmosphärische, Säulen, die Dirk Hofackers Drehbühne prägen. Als weißer Engel mit schwarz angesengtem Flügel streift Elisabeth Hornung durchs Geschehen, definiert als „Erscheinung“ von Alisa, der Vertrauten einer einsam gewordenen Lucia. Die kleine Arie von Tod und Liebe, die Alisa im dritten Akt ergänzend singt, hebt bloß den Nostalgiefaktor der Inszenierung – ebenso die Rampenposen von Lucia und Edgardo, die im „Titanic“-Stil die Arme ausbreiten. Lucia trägt Weiß und offenes Haar, ihr Erzieher Raimondo geistliches Ornat (Kostüme: Ricarda Marose).

Da will nichts verstören. Nur dass diese Oper von Verstörung handelt, von der Unvereinbarkeit menschlicher Gefühle und politischer Konventionen, vom Leiden daran und der Verzweiflung darüber, von psychischen Grenzerfahrungen, von einer Beklemmung, die immerhin das Bühnenbild vermittelt.

Alles Weitere ist den Solisten überlassen. Und da ist mit Alexandra Lubchansky zum Glück eine famose Sängerdarstellerin zu erleben, die ihr Leben zwangsläufig ins Träumen verschoben hat. Mit sicher getupften Höhen, reinen Koloraturen und heller Wendigkeit beglaubigt sie ihre zentrale Wahnsinnsszene, begleitet von den authentisch-raren, gläsernen Klängen eines Verrophons. Joel Montero, bei der Premiere leider indisponiert, zeigt als Liebhaber Edgardo lange dennoch viel tenoralen Belcanto-Glanz. Er bleibt als Figur freilich ebenso schwach charakterisiert wie Bastiaan Everink, der mit kernig-stattlichem Bariton Lucias Bruder Enrico gibt. Oder wie John in Eichen als betulich-pastoraler Raimondo. Da hat die Regie den Darstellern offenbar nichts zu vermitteln.

Getragen werden sie von Dirigent Martin Lukas Meister, der den Chor und das präzise spielende Orchester des Staatstheaters Darmstadt straff, zupackend und rhythmisch eingängig leitet.

Quelle: op-online.de

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