Wahre Welt oder Warenwelt?

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„Daily News“ (1962) gelangte aus dem Ströher-Nachlass in die MMK-Sammlung.

Frankfurt - Silberperücke, schwarze Kleidung, Sonnenbrille, Schminke, die „Silver Factory“ in New York – der Mythos des amerikanischen Künstlers und Medienstars Andy Warhol (1928-1987) lebt auf im MMK Frankfurt, nicht nur in Fotos und Filmstreifen. Von Reinhold Gries

Als Pop-Pionier wird er an vielen der 80 „Headline“-Gemälden und Grafiken aus den 1960ern bis 80ern lebendig. „Ich war die Schlagzeile“, sagte Warhol, nachdem er 1968 von einer Ex-Mitarbeiterin klinisch tot geschossen und ins Leben zurückgeholt wurde. . Einen Tag, bevor Robert Kennedy Opfer eines Mordanschlags wurde. Das passte Warhol, dem slowakischen Einwanderer, der eigentlich Andrew Warhola hieß, ins Konzept: Die erstrebte Verschmelzung von Kunst und Leben war hergestellt….

Ähnlich makaber bis cool wirken viele Zeitungsseiten auf großformatigen Leinwänden, gemalt, gezeichnet, zerschnitten, collagiert und gedruckt. Die Sujets basieren auf seiner Zeitungssammlung, mixen in verwirrendem Spiel Fakten und Fiktion, hohe Politik und niederen Klatsch. Und sie überspitzen, wie das Boulevard-Blätter tun. Auch auf Warhols Bildern gehen wichtige Schlagzeilen New Yorker Massenblätter zwischen überdimensionalen Werbeanzeigen unter, auf Großformate gezoomt. Derartige Mechanismen reflektieren auch die malerischen Hauptwerke: In „A Boy for Meg“ (1962) lächelt Prinzessin Margret in verwandeltem Schwarz-Weiß-Grau-Porträt neben hohen Versalien unter farbiger Schlagzeile „Sinatra and his Rat Pack“. In „Daily News“ steht Eddie Fishers Breakdown als große Headline über schemenhaftem Foto mit der Geliebten Liz Taylor. Irritation erzeugen merkwürdig vereinfachte „Pressefotos“ zu Pferderennsport und Diktator Nasser. Reißerisch im Text, abstrakt im Bild arbeitet das Hochformat „129 DIE IN JET!“ zu einem Flugzeugabsturz. Damit startet Warhol 1962 eine „Death-and-Desaster“-Serie von Siebdrucken.

Persönlicher wirken neben virtuos figurierten Zeichnungen aus den 50ern Warhols Kugelschreiber-Layouts der comicartigen „The Princeton Leader“-Tafel (1956) und des zerfledderten „National Ennguirer“ (1958). Texturen in „The Wall Street Journal“ ähneln einer abstrakten Partitur John Cages. „Pirates Sieze Ship“ (1961) mischt orthografische Fehler mit Foto-Nachhall und expressiven Schraffuren. In der Grafitzeichnung „Liner Hijacked“ pulsieren Lettern wie in den Gouachen „Seated Woman“ und „City“.

Warhols Beziehung zur 68er-Zeit wird nicht nur am „Electric Newspaper“ zum „Hiroshima Day“ visualisiert. Auf farbigem „Daily News“-Siebdruck von 1967 überdeckt geordnete Flower Power Schlagzeilen und Textspalten.

In den 70ern und 80ern inszeniert der im Kunst- wie Medienbetrieb Gefeierte Joseph Beuys im „Triple Porträt“, setzt bei „Brigid testing for Talk-Show“ oder „Andy Warhol´s fifteen Minutes“ in Videos aus Bildvergrößerungen auf Entschleunigung. Die „Il Matino“-Katastrophenseite „Fatte presto“ (Mach schnell) gestaltet er wie ein unbeteiligter Historienmaler, vernäht aber vervierfachte Siebdrucke wie „The Big Snow“ und „Adieu Romy“ liebevoll mit Faden. Von der Fläche in den Raum geht eine verknüllte Zeitungsseite auf Silberfolie.

Dann entdeckt Warhol die Malerei neu, mit Graffiti-Künstler Jean-Michel Basquiat in wilden Form- und Farbenspielen oder mit Männchen-Maler Keith-Haring in witzig ornamentierten „Madonna-Ikonen“ (1985). Sein letztes Großformat „Magazine & History“ widmet Warhol Burdas „Bunter“. Zwischen Lolo und Willy Brandt, Maggie Thatcher und Heinz Rühmann stellt sich auch hier die Frage: wahre Welt oder Warenwelt?

‹ „Warhol: Headlines“ von 11. Februar bis 13. Mai im Museum für Moderne Kunst, Frankfurt, Domstraße. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.

Quelle: op-online.de

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