Mit Walhalla brennt die ganze Welt

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Was künden wohl die Nornen (Edith Haller, Simone Schröder und Martina Dike, von links)?

Ein Cartoon der Bayreuther Heimatzeitung zeigt einen Polizeichef, der seine Mannen lobt, weil sie die Bühnenhelden am Grünen Hügel verhaftet haben. Hinter denen sei er lange her. Wegen Betrugs, Nötigung, Vergewaltigung, Mord. Kürzer lässt sich Richard Wagners „Ring“-Finale nicht zusammenfassen. Von Klaus Ackermann

Der Schlamassel um göttliche Wesen und Unwesen ist in der „Götterdämmerung“ bei den Menschen angelangt. Bei durchwachsenen Gesangsleistungen ist wieder Christian Thielemann am Dirigierpult der Herrscher dieses „Ring des Nibelungen“. Wie der Berliner klanglich den Walhalla- und Weltenbrand zündet, das drückt in die hölzernen Sessel. Und wie er mit dem Festspielorchester die Motive – Wegweiser durch tödliche Beziehungskisten – türmt, entflechtet, miteinander verzahnt und im hochdramatischen Fluss hält, das nötigt Respekt ab. Auch für die Holz- und Blechbläser, die in den Zwischenspielen (vom geräuschvollen Publikum leider als Pausenfüller verstanden) vom Liebesidyll übers weiche Jagdhorn-Gebläse in mörderische Sphären eintauchend, von nahezu sirenenartigem Ton.

Die Geschichte im Zeitraffer: Siegfried, dem auf Geheiß Hagens ein Gifttrank die Erinnerung nahm, überwältigt Brünnhilde und zieht ihr den vermaledeiten Ring vom Finger, die zuvor von ihrer Walküren-Schwester Waltraute um Rückgabe an die Rheintöchter zur Rettung der Götter gebeten wurde. Christa Mayers biegsamer Mezzosopran lockt und beschwört, indes ohne Erfolg. Die ablehnende Brünnhilde soll Gunther gefügig sein, während Siegfried sich dessen Schwester Gutrune schnappt. Doch Brünnhilde ist nicht zu bändigen, beschuldigt den unwissenden Helden des Meineids. Grund für den grimmen Hagen, Sohn des Giftzwergs Alberich, der ihn umgarnt (eine starke Nummer des agilen Bassbaritons Andrew Shore), ihn hinterrücks mit dem Speer zu ermorden.

In Tankred Dorsts Inszenierung scheint das Team näher zusammenzurücken. Die Nornen (Simone Schröder, Martina Dike und Edith Haller), auf einer Schädelstätte Lebensfäden spinnend, die immer wieder reißen – da verlöschen Fixsterne am Himmel – kommunizieren auffälliger, für die Rückblenden auf eine langwierige Strecke zuständig. Sie berichten von Wotan, dessen Macht schwindet, seit sein „Enkel“ Siegfried ihm den Speer zerbrach, der von Gottvater und Menschen gleichermaßen manipuliert wird. Der sich aus seinem Walküren-Steinbruch trollt, der geliebten Brünnhilde den Ring ansteckt und ein altfränkisches Ringelreihen beginnt.

Christian Franz, der diese schwierige Tenor-Partie schier mühelos stemmt, ist ein Siegfried, der Skrupel kennt, der die Rheintöchter (Christian Kohl, Ulrike Helzel und Simone Schröder) foppt und doch nachdenklich wirkt. Und der beim Erzählen seiner Geschichte schöne Töne von innen heraus anstimmt. Ebenso sein „Blutsbruder“ Gunther (Ralf Lukas mit ausdrucksvollem Bariton), der Gefühle zeigt wie seine Schwester Gutrune: Sopranistin Edith Haller macht mit kraftvoller Spitze Brünnhilde Konkurrenz.

In der zum Wellness-Hotel mutierten Gibichungenhalle gibt Hagen mit seinen bedrohlich wirkenden Jägern den Ton an, eine mondäne wie bizarre Party-Gesellschaft am Rande des Vulkans dominierend, der stimmmächtige, trinkfeste Festspiel-Chor (Einstudierung: Eberhard Friedrich). Hans-Peter König ist ein machtbewusster Hagen mit geradlinigem Charakter-Bass, der sich erst Brünnhilde beugen muss. Linda Watsons Sopran schwingt sich bei der finalen Abrechnung noch einmal ausdrucksvoll empor, ein Fixpunkt des „Rings“, leider mit wenigen Glanzpunkten.

Sie lässt Walhalla brennen – das Ende der Götter. Die Helden sind tot, der Ring ist bei den Rheintöchtern: Alles rennet, rettet, flüchtet, wenn der reinigende Brand das Gibichungen-Hotel erfasst. Nur ein Liebespaar flaniert durch die rauchende Halle, ein Junge spielt mit Gunthers Krone – und schmeißt sie weg. Da wächst Hoffnung aus Ruinen. Auch auf die Neuinszenierung des „Ring“ im Jahr 2013.

Quelle: op-online.de

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