Weckruf wider Weichzeichnerei

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„Das Kind auf dem Schooße der Mutter“ von Emil Wendt. Leipzig 1838, C. F. Dörttling.

„Die Wirkung auf den beschenkten Knaben war die erwartete. Unerwartet aber war die auf einige erwachsene Freunde, die das Büchlein zu Gesicht bekamen. Von allen Seiten wurde ich aufgefordert, es zu veröffentlichen. Ich lehnte es anfangs ab; ich hatte nicht im Entferntesten daran gedacht, als Kinderschriftsteller und Bilderbüchler aufzutreten.“ Von Maren Cornils

Als der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann seinem ältesten Sohn Weihnachten 1844 das selbst verfasste und illustrierte Buch „Struwwelpeter“ unter den Tannenbaum legte, ahnte er noch nicht, dass er damit zum Begründer einer neuen Art von Literatur werden sollte, die das typische moralische Lehrbüchlein des Biedermeier ablösen sollte. Was den berühmten Frankfurter Bürger, Mediziner und Psychiatrie-Reformer an der Betulichkeit dieser Ära störte und welche Auswirkungen er mit seiner, auf den ersten Blick grausamen Struwwelpetriade hatte, zeigt die Ausstellung „Struwwelpeters Geschwister: Kinderbuchillustrationen im Biedermeier“ im Holzhausenschlösschen, die den Reigen mit Ausstellungen zum 200. Geburtstag Heinrich Hoffmanns eröffnet.

„Struwwelpeters Geschwister: Kinderbuchillustrationen im Biedermeier“ bis 5. Juli im Holzhausenschlösschen, Frankfurt.

Geöffnet: Montag, Mittwoch und Donnerstag von 11 bis 17 Uhr, Sonntag bis 15 Uhr.

Kurator Peter Büttner hat mit viel Liebe Stücke aus den Beständen der Bibliothek des Instituts für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität sowie der Universitätsbibliothek Johann-Christian-Senckenberg zusammengetragen. Während im ersten Teil der Schau vor allem zeitgenössische Kinderbücher zu finden sind, wie sie Hoffmann kritisierte, enthält die zweite Abteilung Werke, denen die inhaltliche oder motivische Verwandtschaft zum „Struwwelpeter“ deutlich anzusehen ist.

Anders als in den biedermeierlichen Lehr- und Sittenbüchern, in denen es von braven, wissbegierigen und wohlerzogenen Kindern und tugendhaften Jugendlichen nur so wimmelt, dürften die Vorgänger von Hans-guck--in-die-Luft und ganz im Sinne Hoffmanns gewesen sein, der die für seine Zeit fortschrittliche Ansicht vertrat, dass moralische Vorbilder nicht zur Erziehung taugten und dass Kinder nur mit den Augen beziehungsweise durch eigene Erfahrungen lernten.

Eine Anschauung, die Kurator Büttner in seinem launigen Kurzvortrag am Eröffnungsabend als Kampfansage an die Enge und Spießbürgerlichkeit des Biedermeier enttarnte: „Es war an der Zeit, dass jemand daherkam, der die bestehende Idylle zerstörte.“ Und auch Prof. Hans-Heino Ewers, Leiter des Instituts für Kinder- und Jugendbuchforschung der Goethe-Universität, machte in seiner Einleitung deutlich: „Die hoffmannsche Drastik ist nichts anderes als die Befreiung von der Weichzeichnerei des Biedermeier.“

Was darunter zu verstehen ist, war schließlich im dritten Stock des Schlösschens zu bewundern, das unzählige bunte, bibliophile Schätze aus den Archiven der Bibliotheken ausstellt, darunter ein „ABC Lesebuch mit Sitten- und Denksprüchen“ von 1823, „Moralische Erzählungen“ aus dem Jahr 1818 oder auch Heinrich Justus Schneiders „Probeabzüge“, Radierungen mit Szenen aus dem häuslichen Leben.

Quelle: op-online.de

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