Weiße Katze, rote Umschläge

Frankfurt - „Made in China“ steht auf vielen Konsumgütern, die aber nichts verraten über fernöstliche Alltagskultur. Sie folgen eher westlichen Standards, die das „Reich der Mitte“ so stark verwandelt haben wie zuvor Bürgerkrieg und Maos Kulturrevolution kaum zusammen. Von Reinhold Gries

Selbst im kulturell oft entwurzelten China stellt sich die Frage, was „typisch chinesisch“ ist. Vor diesem Hintergrund neuer Selbstvergewisserung sucht auch die Pekinger „Popcorn Idea Factory“ nach eigener Identität und entfaltet ihre Sicht der Alltagsdinge dazu nun im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst (MAK).

Da geht es nicht um Ming-Vasen oder Lackmöbel, sondern um geblümte Thermoskannen, elektrische Fliegenfänger oder geschlitzte Kinderhosen, die aus westlicher Sicht genauso exotisch wirken wie chinesische Hochkultur. Eine Edelstahl-Thermoskanne ist dort noch immer hohes Familiengut, trotz verfügbarer Heißwasserspender. Vor allem Ältere füllen ihr Wasser in die gemusterten Kannen ab, mit denen sie einst als „Modellarbeiter“ oder Sänger ausgezeichnet wurden. Daneben steht die graue Purpursand-Teekanne, in schlicht eleganter Form produziert aus „Erde des Überflusses“ der Provinz Jiangsu. Darin hält sich speziell zubereiteter Tee lange warm und behält den Duft.

„Chinesische Dinge“ bis 27. Mai im MAK Frankfurt. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr.

Wie im heutigen China altes Feng Shui mit moderner Technik zusammengeht, sieht man auch an elektrischen Gemälden, aus denen unerschöpflich Wasserfälle fließen, umschwebt von weißen Wölkchen. Das soll das Fließen der Lebensenergie Qi fördern und Sehnsucht nach dem besseren Leben stillen. Bei derlei Synthesen stört es nicht, wenn einst den Acht Unsterblichen vorbehaltene Amulette heute mit Mao-Ikonen besetzt sind. Der „Große Vorsitzende“ ist in die Rangliste des unsterblichen Generals Guan Yu mit dem purpurroten Gesicht, langen Bart und Säbel aufgestiegen, der in Hotels und Haushalten Reichtum vermehren soll. Das Rot der Ausstellungsobjekt steht keineswegs für die Kommunistische Partei und deren rote Halstücher: An Fest- oder Geburtstagen werden Geldscheine grundsätzlich in roten Umschlägen überreicht, aus deren auf Leistung und Gegenleistung beruhendem Austausch eine „Rote-Umschlag-Wirtschaft“ entstanden ist. Rot ist auch die Kugellaterne, mit der man zu Neujahr das Seemonster Nian verbannt oder als Frau um die Gunst von Männern buhlt. Rot sind ohrenbetäubende Chinaböller, die man erfolglos durch elektrische Artgenossen ersetzen wollte, um Feuerwerksunfälle einzudämmen. Wo böse Geister vertrieben werden, werden also weiterhin Opfer gebracht. Für Verbrennungen hat man dann Tigerbalsam in roten Dosen zur Hand, nützlich auch bei Kopfschmerzen und Depressionen. Mit roten Pfingstrosen verziert ist auch der Porzellan-Spucknapf, der weder in der chinesischen Familie noch beim Staatsempfang fehlt.

Eigene Standards „made in China“ setzt auch das Spülmittel „Weiße Katze“, verwendet zum Reinigen von Geschirr und Essstäbchen wie zum Waschen von Obst und Gemüse. Wie Warhols „Campbell´s Suppendose“ trägt man die „Whitecat“ als Symbol auf Schuhen und T-Shirts. Weniger kultig wirkt der elektrische Mückenschläger in Form eines Tennisrackets, in dessen Drahtgeflecht Insektenschwärme verglühen. Die Plagegeister werden auch sanfter vertrieben mit Palmblattfächern, die den gewünschten Sommerhauch erzeugen, in den in geflochtenen Käfigen gehaltene Grillen auf dem Balkon hineinzirpen.

Das Kreativ-Team der „Popcorn Idea Factory“ hat sein kulturanthropologisches Ziel erreicht: Zwischen Motorrad-Rikschas und China-Fahrrädern, goldenen Sparschweinen, elektrischen Fußbadewannen für die Reflexzonen, nach Mondphasen gemixtem „Acht-Kostbarkeiten-Reisbrei“ und allgegenwärtiger „Banknotenprüfmaschine“ tut sich eine Welt auf, die von unserer (noch) erheblich verschieden ist.

Quelle: op-online.de

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