Weiße Wände verändern den Werkcharakter

Heute vor 23 Jahren starb der Mann mit dem Hut.

Kritik an Vorgängen um Beuys-Block: Der sieben Räume des Hessischen Landesmuseums Darmstadt füllende Werkkomplex von Joseph Beuys erweist sich als Stein des Anstoßes.

1970 hatte der weltberühmte Aktionskünstler, Bildhauer und Zeichner 23 Vitrinen mit gesammeltem Leben installiert, 257 plastische Arbeiten und Filzobjekte sowie 26 Zeichnungen – Fazit eines umwälzenden Lebenswerks und weltweit größte Beuys-Installation. Die hellbraune Jutebespannung von 1968 in sechs Räumen passte zu Objekten wie „Jungfrau“ (1961), „Stuhl mit Fett“ (1963) und „Fond II“ (1968).

Vor 20 Jahren kaufte die Hessische Kulturstiftung den Block Beuys dem Sammler Karl Ströher für acht Millionen Euro ab. Beiden Seiten war bewusst, dass sich organische Objekte verwandeln, auch zersetzen. Abdunkelnde Jute steigerte die Patina des Gesamtkunstwerks.

Auch Aufseher Dieter Schopohl wurde zum Beuys-Verehrer. Nun ist er dagegen, dass man wegen der bis 2011 geplanten Museumssanierung den hochsensiblen „Block Beuys“ in andere Gebäudeteile auslagern, die ramponierte Jute herunter- und den Teppichboden herausreißen will.

Im Amtsdeutsch liest sich das so: „Nach Prüfung bautechnischer Vorgaben und der Risikoabwägung für die Objekte während der Sanierungsarbeiten … sieht das Museum einen Verbleib der Werke in den bisherigen Sammlungsräumen als nicht möglich an … Die Zwischenverwahrung der Werke in speziell hergerichteten Räumen ist konservatorisch und sicherheitstechnisch gewährleistet.“ Dann die umstrittene These: „Der Zersetzungsprozess der jetzigen Jute-Bespannung wird nicht als ein vom Künstler intendierter, konzeptioneller Teil des Block Beuys angesehen … Die Sanierung sieht weiße Wände unter Beibehaltung der vom Künstler 1970 vorgefundenen Raumkubatur vor.“

Die Debatte um die Bewahrung des Komplexes beendet das Dekret nicht, auch wenn man es zu Sanierungsbeginn im Februar als Einigung verkauft. Einig sind sich der vertretende Museumsleiter Theo Jülich, das Kunstministerium und Beuys’ Witwe samt ihrer Nachkommen von „Beuys Estate“. Der Künstler äußerte sich einst skeptisch: „Niemand versteht mein Werk weniger als meine Frau.“ Dafür wandten sich Experten gegen unsensiblen Umgang mit sperriger Kunst: Ex-Landesmuseums-Kunsthistoriker Götz Adriani sieht das Werk gefährdet; Kritikerin Carla Schulz-Hoffmann verweist auf Verfälschungen bei neu installierten Beuys-Komplexen in München.

Weiter gehen die „Initiative für die Zukunft des Block Beuys“ und der Offenbacher HfG-Professor Manfred Stumpf, der 2006 die nun im Ministerium für Kunst und Wissenschaft wirkende Museumsleiterin Ina Busch als „Putzfrau“ titulierte – in Erinnerung an jene wackere Reinemachefrau, die eine Badewannen-Fettecke der Düsseldorfer Akademie entfernte. Busch hatte eine unbeuysianische Richtung vorgegeben: Wände weiß kalken und putzen, auch die etwas schmuddeligen, von Renovierungen verschonten Räume. Vom behaupteten Pilz- und Schimmelbefall bemerkte Busch-Kritiker Schopohl nichts. Er wurde zeitweilig versetzt.

Stumpf bringt der Umgang mit Gestalt gewordenen Gesellschafts- und Kunstideen auf die Palme: „Die weißen Wände, Begradigungen und neuen Fußböden verändern alles, Optik, Akustik und Aura der Räume. Damit finde ich mich nicht ab. Die öffentliche Diskussion muss weitergehen, auch der Streit.“ In offener Kommunikation mit seinen Studenten möchte er im Nachbarraum ein Institut für soziale Plastik etablieren, um den geistigen Gehalt der Werke zu verdeutlichen: „Beuys’ hochaktuelles gesellschaftliches Ideenpotential, zum Beispiel zur direkten Demokratie, wird nicht ausgeschöpft; da wirkt vieles schläfrig. Wenn das nicht klappt, gehen wir mit dem Institut nach Offenbach.“

An Beuys’ heutigem 23. Todestag ist Stumpf verhindert: Ohne Öffentlichkeit wollen Auserwählte durch das leere Museum zum Block Beuys ziehen ...

(Reinhold Gries)

Quelle: op-online.de

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