Der Welt den Spiegel vorgehalten

„Tränen des Herbstes“ (1979)

Es ist kein Zufall, dass die bedeutende Retrospektive zum 100. Geburtstag Helmut Andreas Paul „HAP“ Grieshabers (1909-81) im Mainzer Dommuseum zu sehen ist. Stammt der Maler und Grafiker doch ebenso von der Schwäbischen Alb wie sein Bewunderer Karl Kardinal Lehmann. Leben und Endlichkeit, Schmerz und Erlösung, Hoffnung und Verzweiflung waren beider Themen.

Wie Grieshaber diese Sujets in völlig neuem Formenkanon in oft große Holzstöcke geschnitzt hat, macht sein Werk einzigartig.

In Mainz gibt es auch wenig Bekanntes aus der „Frühzeit“ zu sehen, beeinflusst vom deutschen Expressionismus, von Paul Klee und vor allem Picasso. Das sieht man an breiten Konturen, mit leuchtenden Binnenformen wie Glasfenster wirkend („Passion“ 1935-38) und an kantigen Schnitten zur rauen Alblandschaft. Nach dem 2. Weltkrieg setzt Grieshaber dort neu an und entwickelt seine typischen, prägnant vereinfachenden Figurationen zu Mensch, Tier und Pflanze.

In der „Bernsteinzeit“ – 1951 wird Grieshaber Lehrer an der Kunstschule Kloster Bernstein – entfacht der Erneuerer überwältigende Aufbruchstimmung, die sich in expressiver Abstraktion der Farbholzschnitte „Stilleben“ und einem fast magischen „Selbstbildnis“ (1951-53) niederschlägt. Sein Großformat „Janus“ zeigt die zwei Gesichter Nachkriegsdeutschlands ebenso wie „Deutschland“-Blätter und zahlreiche Plakate. Der Druck „Martin Luther King“ setzt dem schwarzen Bürgerrechtler ein Denkmal. Die kurvige Figurenwelt seiner orange-gelb-schwarz gehaltenen „Afrikanischen Passion“ (1960) reagiert auf politische Umwälzungen. Prototypische Wesen wie der kreuzförmige Raketenmensch weisen auf die „Neuen Wilden“ der 80er Jahre voraus. Politisch gemeint ist der Holzschnitt „Pax“ von 1963. Dazu kommen heimatbezogene Stoffe wie „Alb und Hirte“ (1960).

Schillernde „Feuervogel“-Variationen (1961) gehen zurück auf altrussische Märchenstoffe und Strawinskys Ballett-Vertonung. Die Holzschnittserie „Baumblüte“ widmet sich einem frühlingshaften Arkadien. Der Kontrast zu den massiven, dunklen Farbflächen des „Blauen Paares“ (1963) macht die duftenden Blüten schwerelos. Dem Zyklus „Osterritt“ (1964) und figurativen Studien folgen Paardarstellungen und griffige Formationen, die dem Thema „Liebe“ leidenschaftliche oder intime Form geben.

Weltkunst sind Grieshabers wandfüllende Folgen „Der Totentanz von Basel“ und die erst 1986 in einem Pferdestall auf der Achalm entdeckte „Josefslegende“ als Reaktion auf den „Sechstagekrieg“ Israels 1967. „Sie lebten, sie litten, sie starben“, schrieb Grieshaber zur Menschentypologie des Totentanzes (1965), von Gouachen schrittweise in Farb- und Schwarz-Weiß-Holzschnitte umgesetzt. Die Auflistung der Figuren reicht vom Kaiser, König und Kardinal über Ritter, Chorherrn und Juristen bis zum Krüppel, Wucherer und Narr. Da ist einer in die Welt gekommen, um ihr den Spiegel vorzuhalten.R. GRIES

„HAP Grieshaber zum 100. Geburtstag – Holzschnitte, Gouachen und Plakate“ bis 27. September im Dommuseum Mainz. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

Quelle: op-online.de

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