Weltkunst aus dem Depot

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Pfau unter strahlender Sonne (Ägyptischer Stil), 1911, Öl auf Leinwand, Tretjakow-Galerie Moskau.

Natalja Gontscharowa (1881-1962) ist eine Schlüsselfigur moderner Kunst. 1915 verlässt die adlige Russin mit ihrem Lebensgefährten Michail Larionow, mit dem sie den futuristischen Stil des „Rayonismus“ entwickelt, ihre vorrevolutionäre Heimat, sie kehrt nie zurück. Von Reinhold Gries

Beide siedeln sich in Paris an, pflegen Austausch mit Picasso, Matisse, Braque. 1938 wird Gontscharowa französische Staatsbürgerin, heiratet Larionow in den 50er Jahren, um das Erbe zu sichern.

1989 gelangt ihr Nachlass in die Moskauer Tretjakow-Galerie. 2006 dringt die Opelvillen-Kuratorin Beate Kemfert tief in Depot und Schubladen vor. Was dabei herauskam – immerhin erzielte 2008 ein Gontscharowa-Gemälde mit mehr als zehn Millionen US-Dollar den höchsten Auktionspreis für eine Künstlerin – und als erste Gesamtschau in Rüsselsheim gezeigt wird, ist sensationell – Ausstellung des Jahres in Hessen!

Pariser Bühnenbilder wie „Le Coq d’Or“ und Entwürfe für die „Ballets Russes“ des exilrussischen Kunstzaren Diaghilew sieht man weniger. Dafür öffnet sich in Fotos, Originalbriefen und einer Vielzahl von Schlüsselwerken ein unbekanntes Kapitel der Kunst. Die „ganze Gontscharowa“ als Provokateurin und Avantgardistin, als Vorreiterin und Mutter der Moderne eine innovative wie vielseitig begabte Stilpluralistin, unkonventionell, doch russischer Tradition verhaftet.

Inspiriert von Volkskunst

In frühen Jahren malt sie, inspiriert von Volkskunst, farbenfrohe Bilder mit kraftvollen Ornamenten, die nach einer Spanienreise in kubistisch-ornamentalen Hochformaten wie „Spanierin mit Fächer“ farbig reduziert wiederkommen. In Ikonentradition stehen formstarke Triptychen wie „Erlöser“, „Gottesmutter“, „Apokalypse“ oder das bilderbogenartige „Leben von Floros und Lauros“.

Unfassbar, das solch religiöse Meisterkunst aus ihren von Wirbel begleiteten Ausstellungen von Behörden entfernt wird. Noch weniger ins Klischee passende Frauenakte in kantig-kubistischem Stil bringen der „Primitivistin“ als erster russischer Aktmalerin einen Pornografie-Prozess ein. Dagegen duldet man ihre so bezaubernden wie kraftvollen Landschaften und Stillleben, die jeden Vergleich mit Vätern der Moderne aufnehmen können – pointillistisch flimmernde Bäume und Alleenbilder, „Kartoffel setzende Bauern“ und „Fischfänger“ in Fauve-Art, symbolistische Stücke wie das Triptychon „Frühling“, kraftvoller Expressionismus wie „Landschaft mit Ziegen“.

„Natalja Gontscharowa“ in den Opelvillen Rüsselsheim, geöffnet bis 24. Januar 2010 täglich 10 bis 18, Mittwoch 10 bis 20 Uhr. Infos zu Montagsgespräche mit russischen Künstlern und Museumsdirektoren auf der Internetseite der Opelvillen.

In Moskau wie in Paris springt Gontscharowa souverän zwischen Stilen, die sie mit entwickelt hat. Ein „Pfau unter strahlender Sonne – im „ägyptischen Stil“ leuchtet neben goldener „Chinoiserie“, ein „Frauenakt“ kontrastiert mit blauen Blitzen der „Ruderer“ und der 1958 gemalten „Raum“-Serie zur Sputnik-Erfahrung. 1913 malt die Avantgardistin als erste abstrakte Bilder wie „Leere“ und „Elektrisches Ornament“, klar und kompromisslos wie ihre Kunstmanifeste. Dazwischen kubistisch-lyrische „Frühlingssträuße“, der minimalistische „Vogel“, das magische „Wäldchen“. Man kann sich nicht sattsehen an den Werken der vergessenen Weltkünstlerin, die in Rüsselsheim neu geboren wird.

Quelle: op-online.de

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