Wenn Leben die Prosa beschädigt

Seine Berühmtheit ist Daniel Kehlmann nicht zu Kopf gestiegen. Der Verfasser der allein auf Deutsch 1,4 Millionen Mal verkauften „Vermessung der Welt“ bleibt mit den Füßen auf dem Boden. Am Stehpult stellt der 34-Jährige auf Einladung des Literaturhauses sein neues Buch im bestens besetzten Frankfurter Schauspiel vor.

Dass der „Roman in neun Geschichten“ den Titel „Ruhm“ trägt, ist ironisch zu verstehen.

Anderthalb der virtuos miteinander verknüpften Erzählungen bringt Kehlmann zu Gehör. Mit Tricks und doppelten Böden spart er nicht. In „Rosalie geht sterben“ will die todkranke Protagonistin die Dienste eines Schweizer Sterbehilfevereins beanspruchen. Eine Anhäufung absurder Zufälle droht dies zu vereiteln. Überdies ist es eine fiktive Figur, die ihren Schöpfer, den Schriftsteller Leo Richter, anfleht: „Lass’ mich leben!“ Der lehnt ab: „Es beschädigt meine Prosa.“

Kehlmann hält sich sprachlich schadlos. Souverän spielt er mit dem Leben seiner Heldin, das sein Alter Ego ihr nur scheinbar schenkt; mit dem Ende der Handlung existiert sie ja nicht mehr. Darauf verweist der so kluge wie belesene Autor im Gespräch mit der Journalistin Felicitas von Lovenberg.

Im Anfang von „Beitrag zur Debatte“ kommt eine weitere Fähigkeit zum Tragen. Diese Parodie auf die verkürzende, englisch durchsetzte Sprache des Internet zeigt Kehlmann als bühnenreifen Vortragskünstler. Noch stärker als im ersten Text ist der Humor ausgeprägt – vielleicht die einzige Parallele zum vorangegangenen Bestseller.

Es ist also ein anregender Abend in Gesellschaft eines angenehmen Menschen. Dauer des Beifalls, Absatz des Werks und Schlange am Signiertisch sind entsprechend. MARKUS TERHARN

Quelle: op-online.de

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