Neue Auflage des Kult-Gastro-Führers „Wo die Nacht den Doppelkorn umarmt“ jetzt erschienen

Wenn Peter Polaroid sein Herzblatt sucht

Den Kult-Gastro-Führer gibt es jetzt in neuer Auflage.

Und wieder gibt er alles. Selbst um den Klimaschutz bemüht, fährt er kein Auto - er schiebt es vor sich her. Alles im Auftrag des guten Geschmacks gibt der fiktive Tester und Todfeind aller Teuroisten Peter Polaroid wieder den Vorkoster und nimmt sich alle vor: Die Hochstapler, Gourmet-Päpste, Schweinepriester, die ihre Gäste schamlos ausnehmen und Hohepriester, die lieber günstig kalkulieren.

Unbestechlich und unangemeldet analysiert Peter Polaroid fast 1000 Bars, Clubs, Cafés, Kneipen, Restaurants, Imbiss-Buden sowie Wein-Schenken und nimmt sie auf fast 600 Seiten unter die Lupe. Essen, Getränke, Ambiente, Türsteher, Publikum - jeder kriegt sein Fett weg, wenn er es verdient hat.

Wen Peter schätzen und lieben gelernt hat, der bekommt ein Herzblatt und wird in seine persönliche Favoritenliste aufgenommen.

Die Offenbacher Szene kommt dabei ziemlich gut weg: Wenn Fußball-Sommermärchen schauen, dann im „Hafen II“. Perlen des Rocks schallen durch die Hallen und „erfrischend junge Bands zeigen, dass Rockmusik für Zukunft steht“. Dagegen ist das „Robert Johnson“ „nix für Perlhühner von der schicken Hanauer Landstraße“. Hier treffen sich Soundbastler und Remix-Pioniere. Auch das „MTW“ wird als Disco-Kaufhaus mit „fetten Sounds für Youngster“ bewertet. Zwar ist der Club preiswert, dafür sind die Türsteher „weder mit Charme noch mit guter Laune gesegnet“.

Schade, dass bei den klassischen Bars und den Cafés aus Offenbach nur das „O.N.E.“ und das „Café Crème“ in die Runde mit aufgenommen wurden. Im Gegensatz zu den zahlreichen Beispielen aus Frankfurt hätte man hier sicherlich etwas genauer recherchieren können. Bei den Restaurants konnten die Offenbacher Lokale allerdings überzeugen: Schnitzelsüchtigen wird im „Beau D´Eau“ das Herz gewärmt und das opulente Sonntags-Frühstück kann begeistern. Die zünftige „Weinstube“ hat es sogar auf Peters Herzblatt-Liste geschafft: Hier wird noch richtig gekocht, in einem Biotop fern von Anpassungs-, Einordnungs- und Unterwerfungsritualen. Ein kleines Glück, wie Peter abschließend zusammenfasst.

Bei deutscher Küche sind bei der Crème de la Crème „Die Post“ in Bürgel, das „Markthaus“ am Wilhelmsplatz und „Tafelspitz & Söhne“ in der Bestenliste vertreten. Allerdings gibt es auch ein paar hinter die Löffel. Der Veggie-Burger im „Fleischeslust“ mit den dazugereichten „mit Fett voll gesaugten und schwarz angebrannten Röstis“ war wohl ein Reinfall, oder wie Peter es formuliert: „Fleisch wars, das mich erfreute, die Seele und auch den Enddarm.“ Bei den Kneipen bekommt der „Strandbus“ eine Extra-Seite. Zitat: „Wenn der Strandbus nicht mehr als Kneipe funktioniert, sollte die Stadt aus der Ikone ein Museum mit Dauerausstellung machen und Eintritt nehmen - Ein Schoppe im Preis inbegriffen.“

Charmant und mit einer gehörigen Portion Satire, garniert mit dem einen oder anderen Schenkelklopfer serviert der „Doppelkorn“ ein Bündel an Dauerbrennern, Trendsettern und kleinen Schätzen im Rhein-Main-Gebiet. Vor Looser-Loungen wird zähnefletschend gewarnt, Reste-Rampen und Abzocker-Absteigen werden elegant enttarnt. Ein Ideengeber zum Abtanzen, Chillen und „Schön-Essen-Gehen“. Auch wenn er in keine Hosentasche passt - zum Zungeschnalzen.

                                              DIRK BEUTEL

c „Wo die Nacht den Dop-

         pelkorn umarmt“                 2011/2012

         Verlag: E.A.R. II GmbH

          ISBN: 978-3-935258-12-8

          Preis: 12 Euro

Quelle: op-online.de

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