Beeindruckende Theaterversion des Romans von Heinrich Mann.

Wenn Unrat im Müll versinkt

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Da fasst sich Schüler von Ertzum (rechts, Florian Wegner) an den Kopf: Professor Raat, genannt Unrat (Rainer Kunze), wälzt sich bei einem Saufgelage im „Blauen Engel“ mit der Tingeltangel-Soubrette (Mandy Zuschke) auf dem Boden.

Dieburg ‐   Nein, die fesche Lola stand nicht auf der Bühne. Und auch thematisch hatte die Aufführung der Landesbühne Sachsen-Anhalt nicht viel mit der berühmten Filmfassung „Der blaue Engel“ von 1930 mit Marlene Dietrich in der Hauptrolle zu tun.

Der 1905 erschienene Roman von Heinrich Mann heißt schließlich „Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen“. Und so legt die beeindruckende Aufführung nach einer Theaterfassung des Romans von John von Düffel das Hauptaugenmerk nicht auf die „Künstlerin Rosa Fröhlich“, sondern auf den Fanatismus eines von Menschenhass getriebenen Pädagogen, der selbst zum Gestrandeten wird. Bis zur Karikatur treibt Heinrich Mann diesen Bildungsbürger der Wilhelminischen Epoche.

„Von Kopf bis Fuß auf Hass eingestellt“ ist der 57-jährige Literaturprofessor Raat, der mit Sanktionen und Autorität verzweifelt versucht, seinen spätpubertierenden Pennälern die Liebe „zum Guten und Schönen“ zu vermitteln. In jeder Familie des Städtchens - ein Abbild von Manns Heimatstadt Leipzig - kennt er einen gescheiterten Sprössling und so ist es kein Wunder, dass sich sein Spitzname „Unrat“ schon seit Generationen von Schülern hält.

Die Aufführung zeigt den Professor, der bald mehr Lektionen erhält, als sich seine Schulweisheit träumen lässt, mit Nickelbrille und im verknautschten Anzug als Anhänger einer bereits vergangenen Ära. Die Gymnasiasten Lohmann (Andreas Klopp), von Ertzum (Florian Wegner) und Kieselack (Markus Achatz) sind dieser schon längst entwachsen.

Die Tafel mit dem verballhornten Spruch „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“ zeigt bereits, dass hinter dem Rücken des Professors der Aufstand geprobt wird. Öffnet sich die Tafel, gibt sie den Blick frei auf die „andere verbotene Welt“, die Schüler und Professor immer mehr in ihren Bann zieht.

Als Angehörige einer dem Geisteswissenschaftler anfangs völlig fremden Schicht entlarvt sich die „Künstlerin Rosa Fröhlich“ selbst mit ihrer Berliner Schnauze. Es dauert einige Zeit, bis sie dem emphatischen Redestil Unrats, in dem stets Schiller-Verse mitschwingen, einigermaßen folgen kann. Umso begriffsstutziger ist er, wenn's ans Handfeste, Irdische geht: „Der kommt uff nischt“, beschwert sie sich ein ums andere Mal bei ihren Kollegen (Annette Baldin und Ralph Richter), die mit einer Western-Nummern auftreten.

Dass Rosa Sängerin ist, spielt nur am Rande eine Rolle. Den großen Auftritt mit „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ versucht die Inszenierung nicht zu imitieren. Die Liedchen bleiben an der Oberfläche. Nur einmal, als sie den romantischen Text des blasiert auftretenden, aber heimlich in sie verliebten Lohmann vorträgt, zeigt sie Gefühl, wird aber ausgepfiffen. Traumwandlerisch zielsicher hat Unrat den Sohn einflussreicher Eltern als Hauptkonkurrent ausgemacht und verfolgt ihn umso heftiger, als er sich selbst in die Strumpfbänder der jungen Frau verstrickt.

Auch der Weg von Rosas kleiner Tochter Mimi, geführt als Marionette von einer schwarz vermummten Puppenspielerin, ist vorgezeichnet: Heimlich schminkt sie sich und probiert Federboas aus.

Dem Höllenritt steht bald nichts mehr im Weg. Während sich im „Blauen Engel“ die Bierkästen stapeln, entleeren die Schüler die Papierkörbe über Unrats grauem Haupt, der nichts mehr zu registrieren scheint.

Sein zunehmend unmoralischer Lebenswandel gipfelt schließlich in der Entfernung aus dem Schuldienst. Und Rosa steht wegen Unzucht und Verführung Minderjähriger vor Gericht. Doch Unrat ist bereits blind gegen seine frühere Welt, die er doch so streng verteidigt hat. Sein Ziel ist Rache, die er fanatisch verfolgt. Auch in diesem Punkt folgt die Inszenierung der Romanvorlage des Thomas-Mann-Bruders, der selbst eine vom ganzen Clan als Missheirat empfundene Ehe mit einer Bardame einging. Unrat sinnt auf Rache am Bürgertum, dessen Doppelmoral er jetzt für sich und Rosa, die er heiratet, ausnützt. Der Philologe, der die Gebete der Schillerschen Jungfrau von Orleans zu rezitieren pflegte, wird zum Kuppler seiner Gattin. Inmitten des eigenen Unrats - bedeckt von Müllsäcken - scheitert er schließlich doch: Als Rosa ihn mit seinem Erzfeind betrügt.LISA HAGER

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