Das Wesen des Menschen

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Die neue Religion Alkoholismus.

Zu einer anderen Zeit, als wir noch rauchten, gab es auf das besserwisserische Gekeife „Wer raucht, kriegt Lungenkrebs“ nur eine richtige Entgegnung: „Und wer nicht raucht, kriegt Arschkrebs“. Von Christian Riethmüller

Diese Replik hatten wir von einer Zeichnung des französischen Satirikers und Künstlers Jean Marc Reiser geklaut, nicht ahnend, dass der viel zu frühe Tod des genialen Cartoonisten im Jahr 1983 Folge einer akuten Erkrankung an Knochenmarkkrebs war.

Reisers bekannteste Figur, der „Schweinepriester“.

Wahrscheinlich hätte Reiser über Bedenken, möglicherweise die Pietät gestört zu haben, aber nur geschmunzelt. „Lächelnd die Wahrheit zu sagen“, dieser Ausspruch des römischen Dichters Horaz, hätte gut das Motto des am 13. April 1941 in Lothringen in äußerst ärmlichen Verhältnissen geborenen Jean Marc Reiser sein können, der mit seinen komischen Zeichnungen, Cartoons und Comic Strips nicht nur zum Lachen anregen wollte. Er führt dem Betrachter die kleinen und die großen Laster der Menschen vor Augen, die Abgründe und die Peinlichkeiten, über die man sonst nur ungern ein Wort verliert. Reisers Figuren wie der legendäre „Schweinepriester“ oder dessen weibliches Pendant „Jeanine“ furzen, fressen, saufen, vögeln; sie erzählen rassistischen, sexistischen oder blasphemischen Kram in schockierender Direktheit, und doch will man sich nicht von ihnen abwenden, weil sie einen das Wesen des Menschen in all seinen Verästelungen erkennen lassen.

Satiremagazin „Titanic“ druckte Reiser-Cartoons

Dieses Talent hat den Autodidakten Reiser schon zu Lebzeiten zum Star in Frankreich werden lassen. Er zeichnete für die französische Satirezeitschrift „Hara-Kiri“, die mit der deutschen „Pardon“ zu vergleichen war, für das bei Comic-Fans hochgeschätzte Magazin „Pilote“, später dann als Kolumnist für angesehene Tageszeitungen wie „Le Monde“ und „Le Nouvel Observateur“. Mit seinen Sammelbänden erreichte er Millionenauflagen.

Dieser Erfolg machte Verlage im deutschsprachigen Raum auf Reiser aufmerksam, doch als sein Werk hier bekannt wurde, war der Zeichner bereits tot. Trotzdem sollten seine Arbeiten noch manche Rolle spielen und dies nicht allein, weil der Semmel Verlach („Werner“) hunderttausende von Reiser-Bänden verkaufte und das Satiremagazin „Titanic“ über Jahre hinweg Reiser-Cartoons abdruckte. Der damalige Chefredakteur Bernd Fritz, als Buntstift-Schmecker bei „Wetten, dass...?“ zu Ruhm gekommen, übersetzte die Sprechblasen ins Deutsche).

„Vive Reiser!“ bis 26. Juni im Frankfurter Caricatura-Museum, Weckmarkt 17. Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10-18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr.

Immer wieder riefen Reisers Zeichnungen die Zensur auf den Plan, die wiederholt den Vorwurf der Pornografie erhob. Es gab sowohl verlegerische Selbstzensur, die bei Lizenzausgaben einfach auf vermeintlich anstößige Bildnisse verzichteten, wie auch verschiedene Indizierungs- und Verbotsanträge der Behörden, die den Jugendschutz gefährdet und das Verbot der Verbreitung pornografischen Schrifttums umgangen sahen. Alle Verbotsanträge wurden freilich von deutschen Gerichten abgelehnt. Reiser machte sich also noch posthum um die Kunst- und Meinungsfreiheit verdient.

Das ist mehr als ein Lächeln wert, sondern mindestens den Besuch der empfehlenswerten Ausstellung „Vive Reiser!“, die heute Abend eröffnet wird. Die Schau präsentiert etwa 245 teils unveröffentlichte Originale, Fotos, Reprografien und Magazine. Es ist die erste repräsentative und vermutlich größte Ausstellung, die bisher zum Werk des Künstlers, der im April dieses Jahres 70 geworden wäre, gezeigt wird.

Quelle: op-online.de

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