Einsamkeit des Herrschers

+
Prinz hoch zwei: Aus dem Gewand von Hamlet (Josef Ostendorf) schlüpft ein zweiter Dänen-Regent (Jörg Pohl).

Wiesbaden -  Bei den Wiesbadener Maifestspielen gibt es eine Neudeutung von „Hamlet“. Mit Luk Percevals Inszenierung gastierte das Hamburger Thalia Theater Hamburg in Wiesbaden. Von Axel Zibulski

Hamlet gibt’s in zweifacher, Ophelia sogar in vierfacher Gestalt. Und so führt William Shakespeares dänischer Prinz Dialoge mit sich selbst: In seiner Hamburger Neuinszenierung des Bühnenklassikers besetzte Regisseur Luk Perceval vor zwei Jahren die Titelrolle doppelt. Dem korpulenten, wie im kindlichen Falsett sprechenden Schauspieler Josef Ostendorf schlüpft ein zweiter Hamlet aus dem weiten, schwarzen Umhang, ein scheuer, schmaler, bald nackter Jüngling (Jörg Pohl). Die Rolle von Freund Horatio ist gestrichen. Dieser Hamlet bleibt auf offener Bühne mit sich allein, ganz allein.

Mit Percevals Neudeutung gastierte das Thalia Theater Hamburg bei den Wiesbadener Maifestspielen. Weniger Handlung und dramatische Entwicklung, vielmehr düstere Charakter-Ausleuchtungen und Seelenbilder prägen diese Neufassung des Textes, die Feridun Zaimoglu und Günter Senkel erstellt haben.

Kinderchor doppelt Hamlets Monolog-Fragemente

Auf der Bühne im Großen Haus des Staatstheaters: Holzbohlen, auf denen ein toter Hirsch liegt, dazu hinten eine bühnenhohe Kleiderwand. Den Polonius gibt Barbara Nüsse als dürre Greisin im Rollstuhl, als Tochter Ophelia stehen Birte Schnöink gleich drei stumme Doubles zur Seite, und die Schauspielgruppe ist zu einer einzigen Person geschrumpft, als die Mirco Kreibich (Rosencrantz, Guildenstern) auch noch ständig um die richtigen Vokabeln ringt.

Was dieses düstere, schlaglichthafte „Hamlet“-Kondensat zusammenhält, ist vor allem der Klangstrom des Jazz-Pianisten Jens Thomas, der mit hochalterierter Stimme, mit Klavier und Gitarre die knapp zwei pausenlosen Stunden kräftig übers Mikrophon grundiert. Das lässt Shakespeares Figuren freilich nur umso isolierter wirken, Hamlets Onkel Claudius, dem André Szymanski berechnende Gestalt gibt, ebenso wie Gabriela Maria Schmeides Mutter Gertrude – und erst recht den auf Kothurnen über allen staksenden Laertes von Sebastian Zimmler. Am Ende doppelte ein Kinderchor Hamlets Monolog-Fragmente bis zur Unverständlichkeit. Kalt ließ Percevals Sicht auf Shakespeare im Maifestspiel-Publikum offenbar kaum jemanden; Verstörung war ebenso wahrzunehmen wie zum Teil begeisterter Beifall.

Quelle: op-online.de

Kommentare