Programmmacher Günther in Ruhestand

Vom Filmclub zum Museum

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Winfried Günther verantwortet seit vierzig Jahren die Filmreihen im Deutschen Filmmuseum und Kommunalen Kino.

Frankfurt - Mehr als vierzig Jahre Kinoarbeit mit Filmreihen, Retrospektiven oder Avantgarde-Programmen, immer ein kritischer Blick auf das gesamte Medium, unzählige Kontakte zu Regisseuren, Kinobetreibern, Verleihern und Produzenten. Von Peter Müller 

Eigentlich kann man sich das Kino des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt ohne Winfried Günthers Impulse kaum vorstellen.Nichtsdestotrotz, der (Un)Ruhestand ruft: Einen Monat nach der offiziellen Verabschiedung aus dem städtischen Dienst dankt nun auch das Filmmuseum einem „Mitarbeiter, der die Kinoabteilung des Hauses geprägt hat wie kein anderer“ - ein endgültiger Abschied allerdings klingt anders. Nein, dass der 65-Jährige sich besonders gern im Mittelpunkt sieht, kann man wirklich nicht behaupten. Und auch, dass er mit dem Mikro am Rednerpult ein wenig „auf Kriegsfuß steht“, scheint für Winfried Günther typisch. Noch bezeichnender aber ist vielleicht das Programm, das er „ganz ohne Wehmut“ für diesen Abend kuratiert hat: eine kleine Werkschau des US-Avantgardisten Stan Brakhage, mit sechs erstmals in Frankfurt gezeigten Arbeiten. Dazu muss man wissen, dass der 2003 in Kanada verstorbene Experimentator sicher einer der ungewöhnlichsten und formal radikalsten Filmkünstler überhaupt war.

Brakhage verbeugte sich in mehr als 300 Arbeiten (die kürzeste: neun Sekunden - die längste: viereinhalb Stunden) vor einem Medium, das er nach und nach revolutioniert hat. Er benutzte völlig ungewöhnliche Techniken, Perspektiven und Bildkompositionen - um das Sehen zu befreien, sowohl von der Form der Dinge als auch von der herkömmlichen Art ihrer Wahrnehmung. In „The Text of Light“ (1974) etwa schaute er mit der Kamera 70 Minuten auf/in/durch einen Glas-Aschenbecher, um Lichtreflexionen zu untersuchen. „Er ist neben Godard der einflussreichste Filmemacher der sechziger und siebziger Jahre“, so Günther über den Mann, der in seinem Spätwerk kaum noch eine Kamera bemühte, sondern mit Spatel, Fingernagel und Farbe seine Filmrollen bearbeitete, um diese abstrakten Einzelbilder via Projektor zu einem noch abstrakteren Ganzen zu montieren. Ohne Ton. Für sich entdeckt hatte Günther diesen Visionär schon 1968, zwei Jahre bevor er selbst Mitbegründer eines Filmclubs an der Uni Frankfurt wurde. „Weil wir neben alten Klassikern auch all die angeblich aufregenden Filme, die es hier nicht zu sehen gab, endlich herholen wollten.“

Beginn als Freier Mitarbeiter

Einige Festivals und einen Umzug - ein regelmäßiger Spielbetrieb sollte her - ins Theater am Turm später folgte der Besuch in Oberhausen, bei Hilmar Hoffmann, der am Main Kulturdezernent werden sollte - und bald Macher für das von ihm initiierte Kommunale Kino suchte. Da Günther sein Soziologie-Studium nicht schmeißen wollte, begann er im „KoKI“ als freier Mitarbeiter. Das Eröffnungsprogramm: eine Buster-Keaton-Retrospektive, die bereits für den Uni-Club verhandelt worden war. Im Oktober 1972 dann der nächste Umzug, vom TAT ins Historische Museum am Römer, wo nun endlich ein Vollprogramm gezeigt werden konnte - und Charlie Chaplin eröffnen durfte. Der gravierendste Ortswechsel schließlich im Juni 1984, als das KoKi mit dem Deutschen Filminstitut und dem Filmmuseum unter einem Dach landete. Mittendrin Winfried Günther, der bis heute „hochgerechnet wohl 15.000 Filme gesehen hat - Doppel-Sichtungen nicht mitgezählt“. Er hat eine Unzahl von Retrospektiven mit großen Namen wie Michelangelo Antonioni, Billy Wilder, Fritz Lang, Raoul Walsh oder Andrej Tarkovskij zusammengestellt und verwegene Projekte auf die Leinwand gebracht hat wie eine Jean-Rouch-Reihe oder die bizarren Kinorätsel von Raul Ruiz.

Eine Herzensangelegenheit sind ihm der Avantgarde-/Experimentalfilm und „besondere Reihen, die nur nach aufwendigsten Vorbereitungen machbar waren“, Stichwort Sowjetfilme zur Zeit des Eisernen Vorhangs oder die 100-teilige Geschichte des japanischen Films. Nein, man mag sich in der Tat nicht vorstellen, dass Günther nun in Ruhestand geht. DIF-Direktorin Claudia Dillmann kann das offenbar auch nicht. „In den nächsten Tagen ist ein Gespräch anberaumt“, so der Neu-Rentner. Es geht um eine freie Mitarbeit „für die Planung und Gestaltung einzelner Filmreihen“. Womit wir ja irgendwie doch wieder am Anfang wären...

Quelle: op-online.de

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