Wohlfeile Weltbilder wanken

Eigentlich ein Wunder, dass nach einem Abend mit dem bezopften Klavier-Kabarettisten Hagen Rether keine spontanen Demonstrationen angezettelt werden. Überraschend gesittet verließ das Publikum jüngst auch den Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt.

Das mag auf die Strapazen eines über dreistündigen Programms zurückzuführen sein, dem man konzentriert lauschen muss, vielleicht auf eine gewisse Betroffenheit, denn der vielfach ausgezeichnete Solokünstler traktiert seine Zuhörer im besten aufklärerischen Sinne am wunden Punkt. Rethers Kunst der Verunsicherung bringt Weltbilder ins Wanken, weil die Pointen nicht nur den Ackermanns und Zumwinkels, den Oettingers und Schäubles gelten, sondern den wohlfeilen Spekulanten, Steuersündern und Ignoranten, die wir alle sind.

Manchmal wirkt „Liebe“, so der Dauer-Titel seiner sich den Aktualitäten anpassenden Reflexionen, wie ein politisches Seminar. Wären da nicht die brillanten Metaphern, zwingenden Pointen und ätzenden Kommentare dieses wohlmeinenden Radikalen, der sich selbst nicht schont. Im Laufe des Abends scheint er an Substanz zu verlieren, sinkt zusehends tiefer in den Bürostuhl. Sein Redefluss aber endet nicht.

Gelegentlich offenbart der studierte Pianist andere Seiten, beweist Spontaneität im Kalauern, schwäbelt bodenständig. Ihm entschlüpft gar ein obszöner Witz. Bei Atze Schröder nicht der Rede wert, bei Rether horcht man jedoch verwundert auf. Akkorde untermalen den Monolog, brechen ihn ironisch. Ein bisschen „Desperado“ von den Eagles, ein bisschen Leonard Cohen, ein bisschen Haydn. Klangliche Abwechslung in einem Programm, das Absurditäten und Schizophrenien der Gesellschaft schmerzlich treffend beschreibt. Gewiss ballt mancher die Faust in der Tasche. Nur demonstriert niemand mehr – nicht an diesem Abend. CARSTEN MÜLLER

Quelle: op-online.de

Kommentare